One – Carte Blanche

Gestern «Einführung» zu einer Ausstellung unter dem Titel «Carte Blanche» gehalten.

Es war eine Überrumpelung. Ich wurde angefragt. Ich war naiv und hab zugesagt.

Den Text schreiben, den eigenen Ansprüchen genügen und sich kein Publikum vorstellen, dem man zu gefallen hat.

In ein Mikrofon gesprochen, das keinen Ständer hatte, musste das Mik in der Hand halten und hatte dann mit den zwei Blättern zu kämpfen.

Das war das letzte Mal, schwor ich mir, nach 50 ist Schluss, keine Reden in der Kirche mehr, keine Eröffnungsfeieruntermalungen, keine Vereinshuberreden, keine Jubiläumsspeeches mehr.

Das Glitzern der Sprache – – –

Rhetorisches Rasseln – – –

Mentales Schulterklopfen: Wir gehören alle dazu, nicht wahr. Ganz unter uns.

Schon bald werde ich ungeniessbar werden.

Die Einführung:

*****
I like resistance, you know.

Atomkraftwerke haben eine Carte Blanche, Beduinendiktatoren haben eine Carte Blanche, und jetzt habe ich auch eine.

I like resistance, you know.

Was tut einer wie ich, der, wie man so sagt, in der Literatur zuhause ist und weniger in der Kunst, wenn er über Kunst sprechen soll-darf-muss-kann?

Aber klar, er versucht tunlichst, beiden auszuweichen, der Literatur und der Kunst, solange er nur kann. Der Versuch ist absehbar, das geht erfahrungsgemäss immer schief – – – was nicht gegen den Versuch spricht.

Als Joan Baez 1969 in Woodstock auftrat – Kinder, Kinder, ist das schon so lange her? –, sang sie ein Lied für den damaligen Governor von Kalifornien, und sie schrieb ihm den Satz zu «He don’t like resistance I know». Und sie ergänzte, sie traue diesem Mann zu, dass er eines Tages Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte, wofür man sie postwendend heftig auslachte. Was, der? Hirngespinste! Die hat zuviel gekifft, eindeutig! Der Governor von Kalifornien hiess damals Ronald Reagan.

I like resistance, you know.

Was ich damit sagen will, und schon jetzt komme ich um den Begriff nicht mehr ganz herum: Die Kunst von Joan Baez bestand darin, vorwegzunehmen. Ihre Phantasie reichte aus, sich auszumalen, was unvorstellbar schien. «Sich auszumalen» – da waren sie wieder, diese der Kunst entlehnten Wörter, die manchmal in den Alltag hinüberglitschen.

Es ist eine der Aufgaben der Kunst, vorwegzunehmen.
Es ist eine der Aufgaben der Kunst, auszumalen.

I like resistance, you know. So sehr like ich resistance, dass ich so sicher daherkommende Sätze wie «Es ist eine der Aufgaben der Kunst» undsoweiter misstraue.

Wenn ich den sicheren Sätzen nicht misstrauen würde, wäre ich einer, der resistance nicht likt, you know. Aber wie gesagt: I like resistance, you know.

Vom Samstag auf den Sonntag träumte ich von einem Schneehaus. Zuerst hatte ich den Satz im Traumohr, I had a farm in Africa. Wobei ich mir nicht ganz sicher war, ob es im Traum nicht hiess, I had a farm in America. Ich habe den «c» von America deutlich gesehen. Dann schneite es, aus dem Satz heraus, ein Schneehaus hin, es war kein Schneehaus wie die Iglus, welche wir von den Eben-nicht-Eskimos-sondern-politisch-korrekt-Inuits her kennen, und jetzt auch von den Tourismusvereinen im Graubünden und im Berner Oberland, die für aussergewöhnlich mutige Touristen Iglus bauen und sie für den Mut, dort zu übernachten, teuer bezahlen lassen. Es war ein filigranes Gebilde ganz aus Pulverschnee, eine hingehauchte Villa, und dann streunten die Löwen aus dem Film «out of Africa» um das Schneehaus, und ich fragte mich im Traum allen Ernstes, ob die Löwen nicht kalt hätten, und schon waren die Löwen Bären, die kurz aus dem Winterschlaf aufgewacht waren und im Halbschlaf an mir ganz Schlafendem vorbei tappten, mit eingetrocknetem Blaubeersaft an der Schnauze und ein paar Lachsschuppen an den riesigen Tatzen.

I like resistance you know.

Es ist eine der Aufgaben der Kunst, dafür zu sorgen, dass unsere Träume nicht kolonisiert werden, dass aus unseren Träumen nicht ein Afrika wird, in das Stanleys und Livingstones einsickern.

Die Kunst erlaubt es, in America Löwen heimisch werden zu lassen. Und sie hat nichts dagegen, wenn man resistance likt. Im Gegenteil.

Die Kunst erlaubt es sich zu behaupten, die Milch sei schwarz, das Wasser trocken und in der Nacht seien alle Katzen gelb. Das Verfahren, dessen sich die Kunst hier bedient, hat sogar einen wissenschaftlichen Namen: Man nennt diese rhetorische Figur «Oxymoron». Ein wunderschöner Name für eine wunderbare Sache. Und die Sache geht über die rhetorische Figur und die Wissenschaft weit hinaus.

Wenn die Milch nur weiss ist, das Wasser nur nass und die Katzen in der Nacht nur grau, dann sind auch Atomkraftwerke sicher und Beduinendiktatoren freundlich. Und wenn man nur noch so spricht, abgekartet, mehrheitsfähig, likt man irgendeinmal resistance nicht mehr.

Es ist, das verteidige ich bis zum letzten, die vermutlich nobelste Aufgabe der Kunst, einen Abstand zu diesem Sprechen und zu dieser Übereinkunft zu markieren und zu halten.

Wenn die Brooklyn Bridge nur die Brooklyn Bridge wäre, die man von tausenden von Fotos her kennt, wäre sie nicht mehr meine Brooklyn Bridge. Meine Brooklyn Bridge ist auch ein Mandala. Das ist die Carte Blanche der Kunst.

Und das ist jetzt die Carte Blanche der Literatur, Doppelpunkt:

Ich stand sehr früh auf, die Füchse schnürten noch, und die Vögel zwitscherten noch nicht. Ich sattelte das Pferd und ritt los, und den Hund nahm ich mit. Es war noch dunkel, the moon leuchtete jetzt wohl over Hernandez, aber ich ritt ja hier dem Russian River entlang Richtung Fort Bragg. Um Mendocino würde ich einen Bogen schlagen, am Mittag würde ich im Bärenland sein und Kartoffeln im Feuer rösten, und ich würde ein Auge auf dem Hund haben, der die Bären vor mir wittern würde. Es war neblig, als ich losritt, heute würden bis Mittag keine Kolibris an den Sirupdispensern, die man bei WalMart kaufen kann, schwirlen. Ich hatte, ausser nicht nach Mendocino hineinzureiten, kein Ziel. Ich wollte einfach reiten und mit dem Hund sein. Am Abend werde ich ein Miller’s oder ein TresX öffnen, das Bier in kleinen Schlucken trinken und weder an Literatur noch an Kunst denken. Das wird ein sehr schöner Abend.

I like resistance you know.

*****

Danach trank ich noch ein Glas Wein.

Mir fiel nichts ein zu sprechen.

Danach ging ich nach Hause.

Ich freute mich indeed auf einen Abend ohne Literatur und ohne Kunst.

Ein Freund kam vorbei mit seinem Hund. Der Freund hatte Geburtstag. Wir tranken einen Wein, und einen Caol Ila. Das Getränk räuchelte wie ein schwelendes Moor, und die Hunde lagen um uns herum, nahe. Ich dachte bereits nicht mehr an die Ausstellung und kraulte die Hunde hinter den Ohren, sie haben das gern.

Über dem Russian River bildete sich währenddessen leichter Nebel.
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Der zweite – Sayonara, oshimai!

Den argen Versorgungsnotstand, vor dem sie uns immer arg gewarnt haben, wenn man die arg sicheren Brüteriche abstellt, haben wir jetzt, aber arg. Die Büchslein der Pandorita hat ein Gaumonster hervorgeboren. Da war ja immer arg viel Diminutiv in den Verlautbarungen der «Versorger»: Alles halb so schlimm! Gemach, gemach! Wir leben doch hier nicht im Wilden Westen!

Und plötzlich ist aus dem Diminutiv ein Superlativ, aus dem Bonsai ein Megai geworden.

Wie von Geisterhand. Du böses Erdbeben, du! Tsunami, du schlimmer Bub du!

Sie fangen schon wieder an, resp. sie fahren umgehend damit weiter: mit dem Kleinhäckseln, Pulverisieren, Zerdröseln. «Bei uns in der Schweiz gibt es keine so starken Erdbeben wie in Japan.»1 Woher der das nur hat?

1356 ist Basel faktisch dem Erboden gleichgemacht worden. Von einem massiven Erdbeben. Damals gab es keine Atomkraftwerke. Deshalb gibt es Basel wieder.

Dass die Schweiz erdbebistisch ein unbeschriebenes Blatt sei, ist schlicht und ergreifend brandschwarz gelogen, ich halte dafür: wider besseres Wissen.2

Tsunamis gibt es hier nicht. Der Bodensee ist zu klein. Wo sie recht haben, haben sie recht.

Die japanischen Atomkraftwerkbetreiber haben sich nach Tschernobyl herausgeredet, indem sie gesagt haben: Unsere sind sicherer als die.
Die schweizer Atomkraftwerkbetreiber reden sich nach Fukushima heraus, indem sie sagen: Unsere sind sicherer als die.

Sie, die haben Namen: Bush, Cheney, Rice, Sarkozy gehören in diesen Topf, es sind «Versorger», die ihr Geld mit diesem «Versorgen» machten und machen. Und es gibt Kohorten von Erfüllungsgehilfen, Karrern.

Muss ich jetzt auf mein doch schon fortgeschrittenes Alter hin noch auf die Strasse? «Kämpfen für Mutter Erde, für die Nachkommen»?

Das Grauenvollste ist, wie sich das «Reden darüber» abgeschliffen hat. Die Worte sind auf beiden Seiten leer. Ein Begriff gibt den anderen, tüpft ihn an in einem endlosen, automatisierten Ablauf. Es ist etwas anderes als die Responsorien bei Trakl, in dessen Gedichten sich die Worte fahl über die Zeilen hinweg anleuchten, und eines auch das andere «tüpft». Es ist etwas zutiefst grundlegend anderes. Ich möchte das so gerne krass und hitzig ausdrücken können, so, dass es die Haut verbrennt, in der Gurgel steckenbleibt, irritierend glitzert.

Ich kann es nicht. Ich gerate ganz ausser Atem, bin derangiert, gerate aus der Fasson.

Dann lass es doch, sagt Louise, my Southern Belle. Komm, ich mache dir einen Kaffee. Möchtest Du Stalder Schoggicrème dazu?
Am meisten hat mich bis jetzt der Film von diesem Hund gerührt, der bei seinem schwer verletzten Hundefreund ausgeharrt hat, verdreckt, verängstigt, schlotternd. Aber er ist an seiner Seite geblieben, hat ausgeharrt, standgehalten. Er hat etwas Grösseres im Herzen, für das es keinen Namen gibt, zum Glück keinen Namen gibt.

Das hat mir die Tränen in die Augen getrieben, und beim Anschauen dieses kleinen Nebenfilmchens habe ich das ganze Ausmass der Katastrophe begriffen.

Was für ein grossartiger Mensch, dieser Hund, habe ich gedacht. Da kann auch der japanische Kaiser einpacken. Der kann sowieso einpacken.


1 Heinz Karrer, CEO der AXPO Holding, am 15. März 2011

2 Das stärkste Erdbeben in den vergangenen 25 Jahren in der Schweiz war dasjenige vom 22. Februar 2003 mit Epizentrum in Saint-Dié im Elsass, 70 km von Basel. Es erreichte eine Stärke von 5.5 auf der Richter-Skala, der Erdbebenherd lag rund 10 km unter der Erde und es waren vereinzelt kleine Schäden zu verzeichnen. Diese scheinbare Ruhe führt zur ersten weit verbreiteten Irrmeinung, dass starke Beben in der Schweiz höchst selten oder gar nicht auftreten. Die Afrikanische Kontinentalplatte verschiebt sich aber weiterhin gegen Norden und stösst gegen den europäischen Kontinent. Die mit dieser Kollision verbundenen Kräfte, welche auch die Alpen gebildet haben, bauen Spannungen in der Erdkruste auf, die sich an vorhandenen Schwächezonen als Erdbeben abbauen.

Dort wo kleine Beben auftreten, kommen früher oder später auch einmal grössere Ereignisse vor. Diese weltweit gültige Beobachtung bildet die Grundlage zur Abschätzung der Erdbebengefährdung.
Das hochempfindliche Seismographennetz des Schweizerischen Erdbebendienstes hat in den
letzten 25 Jahren über 5000 Erdbeben in der Schweiz und ihrer unmittelbaren Umgebung aufgezeichnet.
Die Auswertung dieser Daten sowie die historischen Überlieferungen von stärkeren Beben belegen die Aussage, dass im Mittel die Schweiz in 100 Jahren mit einem Erdbeben in der Grössenordnung der stärksten Erdstösse von 1997 in Umbrien rechnen muss. Letztere haben Tote und Verletzte gefordert, viele Häuser unbewohnbar gemacht und nichtreparierbare Schäden an historischen Bauten verursacht -- von den wirtschaftlichen Folgekosten ganz zu schweigen. Zudem zeigt das Basler Beben von 1356, dass auch noch stärkere Erdbeben auftreten können, wenn auch weniger häufig. [Quelle: ErdbebenRISK, http://www.erdbebenrisk.ch/erdbebench01.html, besucht am 17.3.2011
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Norbert Gstrein

Am 4. März las Norbert Gstrein aus seinem Roman «Die ganze Wahrheit».

Ich holte ihn ab in der «Lindenegg», er sass im wintergartenhaften Vorbau. Wir tranken einen Wein vom See, den er anständig, geradeheraus, mackenlos fand.

Morgen würde er in Thun lesen, anlässlich des Thuner Literaturfestivals.

Und übermorgen als «Writer in Residence» nach St. Louis / Missouri fliegen, für zwei Monate.

Wir sprachen über Amerika. Draussen wurde es dunkel. «Langsam» würde sich als Adverb dazugehören, aber es wurde einfach dunkel.

Er wusste gut Bescheid über die «Schweizer Literatur», die es, waren wir uns einig, so nicht gibt. Wir sprachen über Dinge, die es so nicht gibt, Amerika und die Schweizer Literatur.

Ich hatte den Roman innert drei Tagen gelesen, und eine Einführung geschrieben. In einer Kritik hatte ich gelesen, er habe das erste Kapitel dort und dort «mit einer harten Diktion» gelesen.

In Hamburg ist literarisch erstaunlich wenig los, meinte er. Dabei sei das doch eine Stadt, die geradezu klassisch darauf ausgerichtet sein müsste. Dabei wäre das doch eine Stadt etc.

Am Veranstaltungsort fanden sich gerade mal 12 Leute ein. Habitués zumeist. Les absents ont toujours etc. Toujours a toujours un etc. Eine russische Cellistin im Kongresshaus, Sportwochen – wenig Publikum hier. In Biel ist literarisch erstaunlich viel los.

Im Roman geht es um eine Verlegerin, welche die Wahrheit usurpiert. Sie biegt und bricht sich die Welt zurecht, wie es ihr und nur ihr passt. Wahr ist nicht, was wahr ist, wahr ist, was die Verlegerin als wahr definiert. In den Romanen von Norbert Gstrein geht es um «solche Dinge» – und um die Verheerung, die solche Zurechtbieger anrichten.

Nein, Lyrik habe ich nie geschrieben, sagt er, das liegt mir nicht.

St. Louis soll eine gefährliche Stadt sein, auch für amerikanische Massstäbe. Was heisst gefährlich?

Er isst Capuns, wie ich. Es sind «Bündner Wochen». Das Essen liegt ihm.

Natürlich ist seine Wirklichkeit verstrickt mit jener im Roman, oder besser, oder nein, anders: die Wirklichkeit im Roman ist verstrickt mit seiner. Er spricht nicht schlecht über die Romanfiguren. Er spricht also nicht schlecht über die Figuren, die – – – Modell standen?

Es ist ein angenehmer, relaxter Abend. Wie wenn das Modern Jazz Quartet im Wintergarten des Financial Centers in New York spielen würde. Als das Modern Jazz Quartet im Wintergarten des Financial Centers in New York spielte, lehnte ich mich zurück und verfiel in entspanntes, ungerichtetes Träumen. Als würde man reiten und sich ausschliesslich auf das Lenken des Pferdes konzentrieren.

Ich wäre gern in einem als «italian» deklarierten Restaurant in St. Louis. Das Wort «Missouri» kann man wunderbar rollen, texanisch. Wir würden Fettuccine essen, einen mackenlosen Wein aus Kalifornien trinken, und kein Wort über Literatur sprechen. Oder nur sehr wenig.

Ich brachte ihn ins Hotel zurück. Du hast mir die Segel gesetzt mit Deiner Einführung, sagte er, es war dann ein Leichtes, aus dem Hafen zu fahren. Auf das glitzernde Meer hinaus.

Ich ging nach Hause und überlegte an meinem Roman herum, in dem einer versucht, der Literatur zu entgehen.
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Der dritte – Neruda. Neruda. Neruda. Qilolo.

Mit der Zeit fielen mir Namen, Verballhornungen, Verballhirnungen, Kosereien, Kussereien ein.

Neruda. Nerüdeli. Nüdeli. Nudelino. Nudi. Nu dell Ino.

Nudelötteli. Lötteli.

Nudoggelidaggeli.

Neruda, was machsch denn Duda?

Tiger Nudooda (er fand Golfbälle und brachte sie mir).

Good boy.

Nerudem, Nerudom, todo bem, todo bem?

Ich las, was Patricia B. McConnell über «die Kunst, einem Hund einen Namen zu geben» geschrieben hat.1

Ich nahm mir vor, ein Buch über ihn zu schreiben. Vielleicht eine Erinnerung. Dann dachte ich: Wieso eine Erinnerung? Wieso nicht sich erinnern, bevor die Erinnerung einsetzt?

Das ist der Beginn.

Der chilenische Nobelpreisträger für Literatur, Pablo Neruda – er hat den «Canto General» geschrieben, ein nobles Langgedicht über die Geschichte der Unterdrückung in Südamerika, ein edles Pamphlet gegen die Satrapen, gegen die er sich auch im wirklichen Leben mutig gewendet hat.

Genug Grund, deinen Hund so zu nennen.

«Neruda» ist ein Pseudonym. Ein Dichtertarnname. Pablo N. hatte ihn von Jan N., einem tschechischen Lyriker. Deshalb sollte das Buch Neruda. Neruda. Neruda. Qilolo. heissen. «Deshalb» ist falsch. Was an «deshalb» anschliesst, ist keine Folgerung, deshalb ist deshalb hier eigentlich fehl am Platz. Ich lasse es aber stehen. Wieso Qilolo? Davon später. Qilolo könnte eine chilenische Fussballmannschaft sein. Der Name einer kordillerischen Papageienart. Oder ein subalterner Mayagott.

Neruda, du Tiger mit ausschliesslich schwarzen Streifen.

Neruda, black Shir Khan – – –

Neruda, good boy, qilolo.

Neruda, mach Regen.

1 McCONNELL, Patricia B.: Ein Hund namens Hund. In: Trafen sich zwei. Betrachtungen über Menschen und Hunde. 2009 Nerdlen /Daun (Kynos Verlag). [Engl.: Tales of two species. Essays on loving and living with dogs. Dogwise Publishing, USA]. Ss. 14ff.
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Der zweite – Wengen

Er schaute sich in der Wohnung um. Hier, also hier. Dabei wusste er noch gar nicht, dass es nicht das endgültige «hier, also hier» sein sollte. Ich schlief in der Küche mit ihm.

«Wenn es dunkel wird, sind Welpen, auch objektiv betrachtet – soweit möglich – in Gefahr. Eher in Gefahr als tagsüber». Erste Sätze aus einer neuen, nun ja: Wissenschaft. Kynologisches Raunen. Das atavistische Ritual befiehlt: Geh zu Mama und Papa, wenn die Füchse zur Jagd aufbrechen – dort ist es sicher. Während die Füchse schnürten, rappelte er zu mir. Dieser da – – – gleicht zwar weder Daddy und vor allem noch Mama, aber er ist gross, und bis jetzt hat er mir nichts getan. – – – Vielleicht – – – Und schon war er weg, eingesunken in das aufgehügelte Laken. Ich stellte den Wecker und trug ihn alle 2 Stunden hinaus auf den Balkon, wo ich aus Brennholz (Wände und Türen) und Altpapier (Bidet) ein WC gebastelt hatte. Es hatte Schnee, er fing an zu schlottern. Manchmal löste er sich. Manchmal nicht. «Nach dem Spielen, Fressen, Schlafen wollen sich Welpen lösen, nehmen Sie ihn mit auf den Arm, gehen Sie mit ihm hinaus, und stellen Sie ihn nicht auf den Boden, wenn Sie die Tür öffnen, es könnte bereits zu spät sein.»

Er hielt sich nicht an das überlieferte Wissen. Er löste sich kaum je nach dem Spielen, Fressen, Schlafen. Entweder war das überlieferte Wissen falsch, dachte ich, oder mein Hund ist kein normaler Hund. Normaler Hund, das Wort blieb hängen.

Er hatte Giardien, im Zwinger bereits. Giardia canis, Darmparasiten, die sich mit ihren Geisseln fortbewegen und nicht nur das: Sie sind auch solche. Sie setzen sich in der Darmschleimhaut fest und vermehren sich millionenfach, Myriaden von Giardien – – –Das war der Beginn einer langen, langen Leidensgeschichte, auch für mich, natürlich und vor allem aber für ihn.

Zoonose, wieder ein Begriff. Noch nie habe ich mich vor Körperausscheidungen so wenig, so überhaupt nicht beeindrucken lassen wie bei ihm.

In der Nacht leuchteten jeweils die Elektrogeräte, summten die Haushaltgeräte im Standby-Modus. Im dünnen, rötlichen Licht sah man die Schatten der Schneeflocken, die draussen niederrauschten, grau und schwarz flockten sie vorbei. Ich lauschte, ob ich sein Atmen hörte, in die Nacht hinaus, und da war es, schnell und nervös zog er die Luft ein und stiess sie wieder aus, während das Bäuchlein mit den knappen flaumigen Härchen rasch pumpte, auf und ab, ein und aus. Darein mischte sich das leise Murmeln der herabrauschenden Schneeflocken, ihr kaum vernehmliches Ploppen, wenn sie auf dem Boden aufschlugen. Er atmete, ich hörte ihm dabei zu – – – das Leben würde nie mehr so sein, wie es gewesen war – – –
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