Mein Hund heisst Neruda

Mein persönlicher Weltmeister

Heute morgen hat er wieder mal seine «dummen fünf Minuten». Im Grünstreifen vor dem Chandon ist er herumgehopst, hat Haken geschlagen wie ein Hase, die Richtung abrupt geändert. Richtig ausgelassen und fröhlich war er, er hat über das ganze Gesicht gegrinst. Früher (früher – – –) hat er das öfter getan. Er ist jetzt ein gesetzter Herr, man hat Anstandspflichten in seinem Alter. Aber ab und zu tut er es immer noch. Dann schaue ich ihm zu, mein Blut pulst warm, und ich schlage innerlich Hasenhaken. Hör nie auf zu spielen, der letzte der drei Sätze, die Elli Radinger als Quintessenz aus ihrer lebenslangen Beschäftigung mit Wölfen extrahiert hat, meldet sich kurz und verlöscht grad wieder.

Er schläft jetzt länger.
Er begibt sich früher zur Ruhe.
Er spielt nicht mehr mit jedem anderen Hund.
Wenn ich mit ihm spiele, wird er nach einer gewissen Zeit müde und legt sich hin.
Ich lege mich zu ihm hin und kraule sein Fell
War gut, gell, sagt er. Ja, war sehr gut, sage ich.
Ich bin halt müde, entschuldige, sagt er.
Woher denn, sage ich.
Wir dürfen, wir müssen nicht, sage ich.
Er legt sein Haupt auf meinen Arm, schliesst die Augen und geniesst die Massage.

Kluger Hund.

Ich schaue Filme an von Hundesportveranstaltungen. Manchmal gehe ich an «Turniere» und schaue zu. Klaro: Wir würden jedes Mal disqualifiziert. Er ist nicht so gut in diesen Wettbewerben. Ich bin daran schuld. Ich habe ihn nicht dafür «gezüchtet». Liess zuviel Ungerades gerade sein, als dass ich einen Weltmeister hätte hervorbringen können. Ich schaue zu, wie schnell, hoch und weit die Hunde voranpushen. Ich sehe die Hundeführer und den Schweiss auf ihren Stirnen, die hervorstehenden Adern. Ich höre den Applaus, den der schnellste, beste erhält.

Die Kompetitivität der Gesellschaft spiegelt sich im Sprung, der Drehung des Hundes. Schnell, schnell, wir wollen siegen. Dog-Dancing-Turniere gewinnen nur noch Spezialisten, die hart trainieren. Profitänzer.

Wir beide bewegen uns in einer Amateurwelt.

Er kommt jetzt zurück von den Rehen, wenn ich ihn rufe.
Er läuft so gut Leine, dass ich auf dem Wegstück von den Bisons zurück an den Chandon, auf dem ab und an ein Auto auftaucht, nicht mehr merke, dass er an der Leine ist. Sie hängt durch, und ich schaue mich um, ob er noch da sei. Ja, das ist er: Er schaut mich kurz an. Ich geh doch nicht weg, was denkst du denn, sagt er. Ich passe immer noch auf dich auf, sagt er. Danke, Neruda, kanns gebrauchen.
Es geht nicht mehr so leicht und ansatzlos, ins Auto zu springen.
Er ist nicht mehr so schnell.
Er ist immer noch schnell.
Zu Lande und vor allem im Wasser. Wie ein geölter Otter pfeilt er durch das Wasser des Murtensees, in dem die Strahlen der Herbstsonne auszittern, über sein schwarzes Fell hinweggleiten und sich in seinen warmbraunen Augen spiegeln.

Die Welt erobern wir nicht, halte ich fest.
Das haben wir schon längst getan. Sie gehört immer noch uns. Wir erobern sie jeden Tag, hält er empört entgegen.
Hast ja recht.

Immer noch findet er alle, die einen Puls haben und in denen Blut fliesst, unwiderstehlich. Er kann immer noch wedeln wie ein Weltmeister. Das ganze Gestell wackelt, wenn er wedelt. Ein Weltmeister – – –
In der höchsten und edelsten aller Disziplinen.

Er kann schon sehr viel, der Neruda. Sehr viel.

Er ist der beste Botschafter für die Sache der Hunde, den es überhaupt gibt auf dieser Welt. Und wer, wenn nicht Hunde, brauchen dringend Botschafter?

Und während ich das schreibe, liegt er mir zu Füssen, den Kopf leicht auf meinen Füssen aufgelegt. Er schnärchelt leise. Music in my ears, fällt mir ein – – –
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Ligugegl Teil II




Ligugegl II
(Line isch guet u git e gueti Luun)

Es gibt tatsächlich Hundehalter, die ihre Hunde aus rechtlichen Erwägungen an der Leine führen. Nicht, weil sie durch ein Leinenzwanggebiet (davon gibt es viele)((davon gibt es immer mehr)) pflügen und nicht von irgendeinem Aufpasserli erwischt werden möchten, der ihnen dann wie ein scharfer Hund eine Busse aufbrummt, die sie eben durch vorauseilende Paragraphenerfüllung vermeiden möchten, sondern aus ganz anderen, smarten Überlegungen: Ich Hund Leine, du Hund nicht Leine, mein Hund dein Hund beissen, du schuld, ich fein raus. Das gibts tatsächlich: Solche Paragraphenschlaumeier. Gesetzessmarties. Papperlapappparagraphisten.

Da hätten wir einen weiteren zentralen Grund, wieso Hunde an der Leine gehalten werden: Nein, nicht weil der Besitzer IQ 120+ hätte, sondern weil von dessen Hund gilt: He’s a biting monster!

Anekdote 3
Da war Neruda gerade mal 3 Jahre alt. Der Mann hatte behördliche Auflagen, die da lauteten: Maulkorb und Leine. Sein Boxer kam weit-und-breit-und-auch-ansonsten-führerlos in gestrecktem Galopp angepanzert, keine Anzeichen von Eskalation, er war schon auf der obersten Sprosse der Eskalationsleiter, auf dem Spitzli des Dreiecks, weit entfernt vom Flirt, zmitts im Fight. Neruda hat den Boxer übel zugerichtet, alles voll Blut, der Brustkorb ganz verbissen, und der Besitzer, der dann wie ein Halodri beenden wollte, was gar nicht hätte beginnen dürfen, wurde dann noch von seinem eigenen Hund so stark in die Hand gebissen, dass das Blut schäumte und man das Weisse vom Handknochen sah. Na bravo, alter Schwede, wie es heute im TV heisst. Merke: Diejenigen, die ihre Hunde aus wirklich triftigen rechtlichen Gründen an der Leine halten sollten, foutieren sich oft darum. Und wenn Neruda an der Leine gewesen wäre, hätte ich ihn spätestens dann, als der Boxer sich auf ihn stürzte, losgelassen. Vermutlich schon früher. Paragraph hin, Paragraph her.

Ich verfalle ins Träumen, wenn ich sehe, wie Neruda antritt, wie er schnell wie ein Blitz durch die Wiesen fegt. Wie die Luft stiebt hinter ihm, wie sie wirbelt. Manchmal rennt er um des Rennens willen. Er hat Freude am Rennen, er lacht dann, judihui, ich renne, ich renne, ich renne, der Wind umstreicht meine Flatterohren, er lacht wirklich, ich sehe es jeweils ganz genau, er lacht vor lauter Rennglück – – – Noch schöner ist nur, wenn er durchs Wasser pfeilt, lautlos, elegant wie ein Otter, tiefliegend, pfeilschnell, und die Sonne ist am Aufgehen, und der Murtensee ist noch menschenleer, und das Sonnenlicht bricht sich auf seinen nussbraunen Augen, sie leuchten so hell, und ich schwimme neben ihm, ungelenk und langsam im Vergleich zu ihm, aber so glücklich wie er – – – zwei pflotschnasse Glückliche in der Krähenbucht.

Oh ja, Hunde kennen das Wort Freiheit, sie wissen haargenau, was das ist, wie es sich anfühlt, und wenn sie rennen, sind sie dem, was es ist, ganz nah. Versucht mir das Gegenteil zu beweisen, versucht es doch.

Wer mit einem Hund lebt und sich keine Gedanken über «die Freiheit» macht, über seine und die eigene, sollte keinen Hund halten dürfen. Erlasst ein Gesetz, Behörden, und verbietet Personen, die nicht den geringsten philosophischen Ansatz zu ihrer Hundehaltung haben, das Leben mit Hunden. Erfindet einen Wind, Physiker, der den Menschen solche Gedanken in das Gehirn bläst – – – Was gibt es Schrecklicheres, als ausschliesslich praktische Gedanken zum Hundeanderleinehalten zu haben, zu Hunden überhaupt zu haben, was gibt es Schrecklicheres für die Hunde?

Hunde an der Leine sind nicht unter Kontrolle, sie sind an der Leine. Das ist ein Unterschied. Überlegt es euch gut. Überlegt den Unterschied gut. Er ist fein, er ist klein, aber er ist.

Wenn du einen Hund an der Leine nicht mehr als unnatürlich empfindest, wenn das Bild von diesem Tier an diesem Seil dir gar nicht mehr auffällt, ins Auge sticht, dich wenigstens ins Stocken bringt, wenn du das für das Normalste der Welt hälst, das Angeleintsein, dann – – –

Gerade habe ich wieder Neues erfahren, wunderbare Dinge, die ich noch nicht wusste, über die Sinnesleistungen der Hunde, natürlich die Nase (Pheromone, Allomone, Kairomone), über die Augen, den siebten Sinn, über das grossartige Seelenspektrum der Caniden1 – beweist mir das Gegenteil, beweist mir, dass es nicht so ist – – –

Und dann begegnen mir wieder so Leinenfraktionisten – die Unbeirrbaren; die, die es schon immer wussten, es immer wissen, es immer wissen werden; die, die immer die besseren Argumente auf ihrer Seite zu haben meinen; die, die nur ein müdes Lächeln übrig haben für jene, die anders denken wollen und dabei in weite Gelände geraten, wo nichts gesichert ist; die, die nie, nie, nie den Blickwinkel wechseln, eine andere Perspektive einnehmen – diese armen Tröpfe – – –), die praktischen Grund um praktischen Grund anführen (die ich alle abnicke, ja, ja, ja), herunterbeten, und dann gehe ich mit Neruda an einen Ort, wo es keine solchen Leinenfraktionisten hat, und lasse ihn rennen und rennen und rennen, und lese das Glück auf seinem Gesicht, und er liest mein Glück, das aus seinem heraus entsteht, und er flüstert mir zu: Ich weiss, du würdest mitrennen, wenn du könnntest, ich weiss, dass du es nicht kannst, mach dir nichts draus, ich renne auch für dich, ich renne auch für dich, gelt, wir sind frei, frei, frei – – –

Rennen ist nur ein Platzhalter für «dorthin gehen dürfen, wohin man gehen will» (ich vermied es zu sagen: dorthin zu gehen, wo es einen hinzieht).

Glaubt weiter an das Glück eurer Hunde, Ligugeglisten, ich werde es euch nicht streitig machen und meinen Hund anleinen, wenn ihr kommt, damit ihr glaubt, wir seien alle von derselben Fraktion, aus demselben Holz geschnitzt. Das sind wir nicht. Ich bin aus diesem Holz:

you may not agree, you may not care but
if you are holding this book you should know
that of all sights I love in this world –
and there are plenty – very near the top of
the list is this one: dogs without leashes.2




1 HARE, Brian & WOODS, Vanessa: The genius of dogs: how dogs are smarter than you
think, New York 2013 (Penguin Group)

2 OLIVER, Mary: Thirty-five dog songs, New York 2013 (Penguin Press)




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Ligugegl Teil I

(Line isch guet u git e gueti Luun)

Leinendiskussionen – – – allein das Wort, und schon bin ich müde. Es ist zerkaut, ausgelatscht, lutschmatsch. Aber ich habe – – – ich habe angefangen, also:

Leinendiskussionen werden ruckzuck pädagogisch. Wobei die Vertreter des purreinen Leinendogmas a) in der massiv überwiegenden Mehrzahl sind und b) sich in der Position des Lehrers (manchmal des Rektors, oder des Generals) wähnen. Leine und Schulmeisterei, das sind Schwestern. Oder sagen wir, damit es nicht so ruckzuck tönt: Leine und Erziehung, das sind Nichten, oder Tanten.

«Die Hündin könnte läufig sein.»
«Der Jogger könnte Angst haben.»
«Bei Kindern, jahaa, da weiss man sowieso nie.»
«Der Hund könnte verletzt sein.»

So mache ich innerlich sitzundplatz und rufe brav meinen Hund, resp. meine Hunde. Was in den allerallermeisten Fällen, obwohl Duo, gelingt. Meistens besser als bei der Person, die den Hund, obwohl sie ihn schon an der Leine hat, fast nicht an diese bekommt.

Es gelingt mir auch in 9,7 von 10 Fällen, meinen freilaufenden Flatcoated (Jagdhund, nicht, FCI Gruppe 8, Sektion 1, Standard 121, nur so zur Erinnerung) von freilaufenden Rehen zurückzurufen. In den 0,3 restlichen Fällen ist der Flädi statt 0 bis 8 Sekunden dann 20 bis 30 Sekunden mal weg.

Um das zu erreichen, habe ich zwei Bücher gelesen, in denen es um die Einsamkeit des Hundehalters am Waldrand geht, und die Ratschläge befolgt. Ich habe trainiert. Ich bin mehrmals in den Tierpark Biel-Bözingen gegangen, wo man das eben noch trainieren darf (ein Kränzlein dem Tierpark!), und habe meine Zeiten vor dem Rehgehege verbracht, mit Clicker und Jackpots und Schleppleine. Grad nächste Woche werde ich wieder in den Tierpark gehen, der noch kleine Appenzellersenn Joschi, der noch nicht jagt, soll schliesslich even not thinken about. Der Weg aus dem Kanton Freiburg nach Biel ist mir nicht zu lang dafür. Die Hundehalter mit Hunden, denen die Leine 24/7/365 um den Hals gewachsen ist, sind meistens nicht dazu in der Lage, ihre Hunde von Wild zurückzurufen. «Wissen Sie, meiner jagt.» Soso. Schräger Hund. Das Jagdumorientierungstraining haben diese Hundehalter so stark aufgegeben, dass sie nicht einmal damit angefangen haben.

Da hätten wir schon einmal einen der zentralen Gründe, wieso Hunde an der Leine gehalten werden: He’s chasing the rabbit!

[Ich gebe es zu: Bei Meister Reineke bin ich noch nicht so erfolgreich. Hab ein paar Dinge darüber gelesen, Intragildenaggression und so Sachen. Mich tröstet, dass auch Neruda erfolglos bleibt: Die Füchse sind einfach zu schlau. Das hat auch Neruda gemerkt, noch ein Jahr, und er lässt auch die Füchse ebensolche sein, wetten?].

Wenn er zurückkommt – – – dann rauscht das Oxytocin, und ich deklariere ihm meine Liebe, mit ungelenken Worten und Gesten, während er gekonnt wedelt, mit offenem Fang. Neruda lacht so herzerwärmend – – – schön, und mitreissend.

Anekdote 1
22,5 Meter vor uns (2 Hunde, 1 Sklave) gehen andere (3 Hunde, 1 Herrin), alle 7 unangeleint, hüpf hier, hüpf dort, tandaradei. Meine zwei gehen zu ihren 3. Das Wort, das hier nach meiner Meinung passt, heisst «logo». Die Herrin schnauzt mich an: Appelez vos chiens! Ich zische zurück: Pourquoi pas à l’envers, appelez vos chiens? Sie schaut mich an wie einen Extraterrestrischen. Meine habe ich dann rasch (Jagdpfeife vom Retrieverclub, gestimmt auf 211,5) bei mir, sie ihre nicht, die hüpfen fröhlich weiter, tandaradei. Das Wort, das hier nach meiner Meinung passt, heisst –, nein besser nicht. Fisimatententante. Jetzt ists doch noch jemandem rausgerutscht.

Die Verletzungen und Läufigkeiten erweisen sich dann in den allermeisten Fällen als Gerüpel an der Leine. Schon von weitem sieht man wegen der «Verletzung» oder der «Läufigkeit» Nervosität und Hektik ausbrechen, die man mit Coolness, die aus einem Hut gezaubert wird, der gar nicht auf dem Kopf sitzt, mehr schlecht als recht zu übertünchen versucht. So, tue nid so tumm jetz, probieren sie wie ein Yogalehrer zu sagen, während der Blutdruck in unindische Höhen schiesst und sie den Fletschi an Neruda vorbeireissen, der mich manchmal anschaut, als wollte er sagen: Wo hat der denn Bobo?

Da hätten wir dann einen weiteren der zentralen Gründe, wieso Hunde an der Leine gehalten werden: He’s a little monster!

Nein, ich spreche nicht von der Stadt, von Bahnhöfen und Einkaufszentren.
Nein, ich spreche nicht von Kindergärten und Friedhöfen.
Nicht von Badewiesen, Chüngeliställen, der SBB, Restaurants, Läden, Bushaltestellen, Sportplätzen, Grillplätzen, Hornusserfeldern, Forsthäusern, Openairkonzerten, Bootsanlegestellen, Downhillpisten, Skipisten, Langlaufloipen, Trottoirs, Fussballplätzen etcetera undsoweiter undsofort – all die Orte, die der Homo hominilupus besetzt hält und an denen Hunde immer weniger bis nicht mehr erwünscht sind. [Der Homo hominilupus will unter sich sein, wenn er die Sau rauslässt, er will niemanden und keinen in der Nähe haben, der ihn beim Saurauslassen stören könnte]

Ich spreche von den wenigen Plätzen, an denen Hunde noch frei laufen können. Ich spreche von dem immer weniger werdenden Plätzen, an denen die Hunde noch frei laufen könnten. Es werden Strassen gebaut, Häuser, es werden Zäune gezogen, Verbotstafeln hingestellt.

Es werden Bussen verteilt.
Es werden Köder ausgelegt – – –

Anekdote 2
Jogger und Hunde – der Friedensnobelpreis ist das letzte, woran man bei dieser Kombination denkt. Ein Jogger kommt herangerauscht, bei der Porte de l’Est, römischen Stadtmauern-Überresten bei Avenches/Aventicum. Einer von der schnellen, ganz schnellen Sorte. Einer von denen, die nicht ab und zu am Abend mal herumhötterlen. Es reicht grad knapp, Neruda zu mir zu rufen. Lassen Sie ihn doch, er soll nur frei laufen, ich habe keine Angst vor Hunden, ruft mir der Jogger zu. Ich bin platt. Flunderflach. You made my day, es reicht noch grad knapp für ein Dankeschön schönen Abend noch. Der Jogger winkt sogar freundlich zurück. Später denke ich: Wie weit sind wir gekommen, dass mir so etwas den Tag rettet?

Ich bin froh, «auf dem Land» zu leben. Man sieht «es» noch nicht so eng hier. Noch nicht so leineneng. Aber die Reglementierungen und die Überzeugung «Zur-Seite-hier-komme-ich-ich-ich-alle-weg-los-los-los» kriechen unaufhaltsam vorwärts. Ich weiss wirklich nicht, ob ich in der Stadt noch einen Hund halten möchte.

Gegenüber Leinenfraktionisten komme ich mir manchmal vor wie ein Hund mit einem Elektrohalsband. Ich weiss nie, wann der andere drückt und es mir einen putzt. Ich werde jetzt dann grad bestraft, und weiss nicht wirklich, wofür. So tappe ich vorsichtig, mit geduckten Schultern, durch die Welt, die mir unfreundlich erscheint. Der Prolog aus John Bradshaws Buch «In defence of dogs» kommt mir in den Sinn. Hunde, die streunen, die frei laufen – paradise lost. Vermutlich sagt das mehr aus über die Welt, in der wir leben, als wir denken. Hunde sind Lackmuspapiere der Gesellschaft. Die Leine ist ein Lackmuspapier – – –

Man erzählt mir von einem, der in den Wäldern und Landschaften um Salavaux mit seinem Hund spazieren geht und allen an den wohlgemeinten Karren fährt, die ihren Hund an der Leine führen. Was fällt Ihnen ein, den Hund an der Leine zu führen, lassen Sie in gefälligst los, soll er die Leute anschnauzen. Plötzlich tönts aus den Wäldern zurück, wie in sie hereingerufen wurde. Unangenehm, gell. Die Geschichte gefällt mir. Dem Mann möchte ich mal begegnen – – –

PS: Nein, der Mann bin nicht ich.
PS2: Man hat mir erzählt, dass sein Hund einen perfekten Appell hat. Nicht wie ein Obedience-Weltmeister – sondern eben perfekt. Er trollt sich einszwei zurück. Wie ein Hund, nicht wie ein Rekrut.

***Fortsetzung folgt***
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Gehen. Kommen. Charly, Joschi.

Viele sind gegangen – er ist noch da – – – Auch er muss mit den Verlusten umgehen. Dem never more.

Wenn die Bomben einschlagen, die das Niemehr säen, kommt er zu kurz. Der Blick dreht sich nach innen, während er da draussen steht. An der Seite derer steht, die eine Zeitlang neben sich stehen. An unserer Seite. Harter Regen geht nieder, der Regen perlt über sein Fell, er saugt sich voll damit, aber da steht er – – – 

Als Charly ging (das ist eine Geschichte, die wirklich niederzuschreiben ich noch nicht richtig reif bin), weinte er. Wir haben es ganz genau gesehen: Tränen lösten sich aus seinen Augenwinkeln. Er kratzte hektisch an den Plätzen, an denen der grosse Bruder, der ihm soviel Sicherheit und Geborgenheit gegeben hatte, gelegen war.

Dann hat er übernommen. Nicht das Szepter, das tun Hunde nicht, das liegt Hunden nicht. Er hat sich und uns aufgerappelt. Es geht weiter. Gehen wir weiter. Man muss unterwegs sein. Man muss unterwegs bleiben. Das Rudel muss in die Nacht eintauchen, in den Tag, in den Wald, ins Wasser. Nur bewegliche Rudel sind Rudel. Ja, ich komme, Neruda, ich komme. Die Anpassungsfähigkeit von Hunden – das beeindruckt mich schon. Immer mehr. Wie sie ins Wasser geworfen werden und schwimmen. In Nerudas Fall sogar elegant. So elegant, dass man ins Träumen verfällt – tief im Wasser liegend, mit konsequenten, ausholenden Zügen. Ein sanfter, schneller Pflug – – –

Ein Text über die Jagd und die Jäger würde anstehen.
Ein Text über Hundeschulen.
Ein Text über Coppinger.
Ein Text über die Demonstration in Lausanne gegen das neue Hundegesetz des Kantons Waadt.

Es ist so viel gegangen. Es sind so viele gegangen – – –

Joschi ist gekommen.

Das erste Mal, als wir in Steinen im Kanton Schwyz nach zweieinhalb Stunden Autofahrt vor dem Rütelihof hielten, hüpfte er fröhlich aus der Box. Die Mutter der Welpen und deren Mutter, also die Grossmutter der Welpen, haben ihn heftig gestallt. Du machst keinen einzigen Schritt, verstanden! Keinen, capito! Er stand mucksmäuschenstill zwischen den beiden Hunden, keine einzige Sehne und kein einziger Muskel machten auch nur Pieps, und vermutlich hat er auch nicht mehr geatmet. Er wollte wieder ins Auto, in die Sicherheit. Von dort aus hat er, sichtlich unwohl, beobachtet, wie wir mit den Welpen spielen. Es war heiss, ich habe ihm Wasser gebracht, er hat nur daran genippt. Das zweite Mal durfte er wenigstens atmen. Aber er blieb doch lieber im Auto. Am Wasser hat er wieder nur genippt. Ihm schwante Böses. Richtig glücklich sah er erst aus, als wir wegfuhren. Gelt, der kommt nicht mit?

Beim dritten Mal durften wir Joschi mitnehmen auf einen kleinen Stroll in die Hostet unterhalb des Bauernhofs. Er hat Joschi freundlich beschnuppert, und er liess sich von Joschi freundlich beschnuppern. Die zwei Zweibeiner sind freundlich zu dem kleinen, aufdringlichen – – – Dingsda – dann muss ich es wohl auch sein. Wir sind eine Familie, gelt? Ja, das sind wir, Neruda. Das sind wir. Mach dir keine Sorgen. Er legte sich dann ins Gras, etwas entfernt, und beobachtete die Szenerie, mit dem Kopf auf den Pfoten. Dem Kopf, der ein wenig schwerer war als gewohnt – – – Vom vielen Rauch, der sich darin angesammelt hatte.

Jetzt war er wieder der Philosoph: Er bedachte seine Welt. Er bedachte uns – – –

Er kam zum Schluss, zum klugen Schluss: Ich bin der Onkel. Er ist so herzerwärmend freundlich, so sanft zu dem Kleinen. Der Kleine hängt ihm an den Lefzen, knabbert an ihm mit seinen spitzen Skalpellzähnen, bellt ihm in die Ohren. Er nimmt das hin. Stoisch. Ab und an (seltenst) wird er pädagogisch: Jetzt langts aber, das tut weh. Sobald es Joschi begriffen hat, ist er wieder sanft.

Die Herbstspaziergänge – – – Die Pilze knirschen aus dem Boden und falten auf – – – er geniesst die Herbstspaziergänge in vollen Zügen. Volle Pulle – – – Danke, dass sich nichts geändert hat, danke! Nein, Neruda, es hat sich nichts geändert: Du bist immer noch und immer in mînem Herzen drîn, und verloren sinn die Schlüzzelîn.

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Immer öfter legt er den Kopf auf meine Beine, meinen Kopf, meine Knie. Dann liege ich mucksmäuschenstill, und keine einzige Sehne, kein einziger Muskel machen auch nur Pieps. Alter, schöner, lieber Hund, flüstere ich ihm zu.

Gestern legte ich mir den Satz zurecht: Hunde haben ein edles Gemüt – – – und eine innere Schönheit, die wunderbar glitzert. Als ich mir den Satz und sein Und zurechtlegte, blickte ich die ganze Zeit auf ihn. Und dann beschloss ich: Nein, ich schäme mich nicht für den Satz. Höchstens dafür, dass er zu klein, zu mickrig ist, um Neruda gerecht zu werden. Dafür schäme ich mich. [Die Krux der Schreibenden: I cannot heave my heart into my mouth.] Aber ich arbeite daran, mein Freund. Ich suche nach den Sätzen, die dich, wenn nicht treffen, so dir doch wenigstens nahe kommen. Nahe kommen – – – Das ist es, was uns verbindet, oder? Ja, das ist es – – – Komm, jetzt gehen wir in den Wald, in den tiefen, dunkelen, sicheren Wald, zu den knirschenden Pilzen.
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Er ist gut herausgekommen

Wenn er so neben mir steht geht liegt schnauft – – – dann denke ich zwischendurch manchmal immer öfter fast immer immer: Er ist gut herausgekommen. Er hat keine Trophäen gewonnen, er ist kein Spitzensportlerhund, er gehorcht nicht wie eine Maschine, ich habe ihn nicht «hundertprozentig im Griff». Aber er ist gut herausgekommen. Trotzdem ist er gut herausgekommen. Auch deswegen ist er gut herausgekommen, weil er kein Trophäensammler, keine Maschine sein musste. Es hat mir immer vollauf genügt, wenn und dass er einfach ein Hund war. Ist – – –

Andere haben (haben) Hunde, die sind Schweizermeister, Weltmeister, Sonnensystemmeister, Milchstrassenmeister, die sind so brav und folgen derart aufs Wort, wie es heisst, dass ich fast ein wenig erschrecke, wenn ich sehe, wie sie gehorchend durchs Hundeleben defilieren. Rekruten. Generäle am anderen Ende der Leine. Keine Rede von Kooperation, Teamwork und wie das alles heisst. Da gibt es welche, die führen (führen) Hunde, die sie so gut im Griff haben (im Griff haben), dass ich erschrecke. Diese Hunde laufen nicht selten an der Leine. Die Besitzer (Besitzer) dieser Hunde sind verärgert, wenn man (ich) einen Hund hat (habe), der nicht ebenfalls so gut im Griff gehalten wird, dass er ständig an der Leine gehen muss.

Jetzt ist er grad wieder an der Leine gegangen, ich verbandelt mit ihm, er verbandelt mit mir, während 10 Tagen. Er ging lahm, das Kreuzband, eine Zerrung, die Tierärztin ist sich nicht sicher. Metacam, gegen die Entzündung und die Schmerzen; die Leine, gegen das Abdrücken, Herumtollen, Verschlimmern. Ist ihr Hund böse, fragt mich eine Frau, die ihren Hund wegzieht und an die Leine nimmt, sobald sie uns zwei Verbandelte entdeckt. – – – Er ist nur verletzt. Nur – – – Schon wieder – – – Es ist der freundlichste Hund der Welt, wissen Sie. Er liebt alle Lebewesen, stellen Sie sich das einmal vor. Wirklich, echt: die Liebe. Wenn Sie ihn kennen würden, würden Sie sagen: Ich möchte auch einmal von einem Menschen so geliebt werden wie von diesem Hund. So einer ist er, verstehen Sie. Jawohl, so einer, nur damit Sies wissen.

Böse? So ein Hanebuch, ich bitte Sie – – –

Er ist ein wertvoller Botschafter für die gefährdete Sache der Hunde. In defence of dogs – – –

Gestern kam der Bauernhund von der «Solitude» mit auf den Spaziergang. Die Hündin lief einfach mit. Eine halbe Stunde, dann ging sie zurück. Manchmal tut sie das. Wir waren im Jahr 1891, oder im Jahr 1920. Wir waren in einer Zeit, in der die Sache der Hunde noch nicht derart gefährdet war. Die Sache der Hunde – – – Es war ein schöner Spaziergang. Ohne Leinen.

Er ist vorsichtig mit Kindern, er dosiert genial.
Er jagt keine Biker, keine Jogger.
Wenn ich ihn rufe, kommt er in den allermeisten Fällen zurück.
Immer öfter auch von Rehen.
Er schleckt mir die Hand ab, jeden Morgen. Er kann ja nicht sprechen.
Er kann sprechen.
Er ist bescheiden.
Er ist weder als Weltmeister auf die Welt gekommen (wie heute so viele), noch will er einer werden (wie heute so viele).
Ich bin kein Star, ich will kein Star sein, flüstert er mir ins Ohr.
Wie schön, wie wunderbar, wie wohltuend, flüstere ich in sein Flatterohr zurück.
Er beobachtet mich, er liest mich und verhält sich dann als sorgfältiger Leser.
Ich will einfach mit dir sein, das genügt mir.
Mir auch.
Er tut alles, damit «das Soziale» stimmt. Wirklich alles.

Nein, er ist nicht böse.
Er ist beschämend gut.

Was immer man von einem Hund erwarten soll darf muss kann, er tut ist kann es. Und dann kommt noch dieser leuchtende Himmel, das Glitzern über ihm hinzu – All das, was er darüber hinaus ist, entschuldigung: das Engelhafte. Nehmt es mir nicht weg, bitte, ich glaube das wirklich – – –

Wenn Kinder erwachsen werden, denken Eltern vielleicht: Es war nicht selbstverständlich. Aber es ist gut herausgekommen.

Er ist bei mir, er ist gut herausgekommen.
Das liegt an ihm.
Ich hoffe, es werfe auch ein Licht auf mich.
Ein kleines, warmes Licht.

Am krispen Horizont wehen die kühlen Lüfte der Endlichkeit. Ich kann ihren Atem spüren, ihre kraftvollen, aufgeblähten Backen. Aiolos. Der Sack mit den ungünstigen Winden ist vernäht.

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«Das Glück auf seinem Gesicht spiegelt das Glück auf meinem».

Ich lasse ihn nach zehn Tagen, einmal mehr, von der Leine. Free, sage ich ihm, free. Das Glück auf seinem Gesicht spiegelt das Glück auf meinem. Ganz deutlich – – – Glück im Glück. Die Naht am Windsack hält. Wenn wir nur gut aufpassen. Ich passe auf. Du sowieso, du sowieso.


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Minus eine Zehe, plus ein Glück

Vertrauensvoll, wie er ist (ich hoffe, das hat er von mir)((ich weiss, ich habe es nicht nur, aber auch von ihm)), lässt er sich die Infusion stecken, als wäre es nichts.

Menschen sind gut. Menschen sind immer gut. Menschen sind nie böse. Von diesem Irrtum lässt er sich nicht abbringen. Nichts und niemand kann ihm das widerlegen. Du sturer Hund du – – –

Er sinkt weg, mit einem Schnäufchen, in die Narkose.

Wir gehen mit Charly spazieren derweil. Er wird jetzt operiert, an der Zehe, er wird nach der Operation (die hoffentlich gut geht, bitte, bittebitte) eine Zehe weniger haben. Gesundheit gegen Zehe, ich habe entschieden. Ich hoffe, ich habe richtig entschieden. In seinem Sinn. So wie er auch entschieden hätte, wenn er entscheiden könnte. Über Hunde wird ständig entschieden. Wenn jemand ständig so über mich entscheiden würde, wie ich über ihn – – – Jetzt geht mein Herz grad wieder auf: Dass er das ohne mit einer einzigen Wimper zu zucken hinnimmt. Einfach so, als wärs a peace of cake. Es tut gut, frische Luft, Bäume, die von den Traktoren in die Feldwege geschnittenen Spuren, die Milane, die über uns kreisen, es lenkt ab von – – –

Nach einer Stunde sind wir zurück. «Es läuft alles gut, es dauert aber länger als vorgesehen». Länger als vorgesehen – ja was – – –

Nach zwei Stunden haben wir alle Inserate (vermisst seit 28.5.12 Schnurrli, getigert, … , wenn Sie Schnurrli sehen, melden Sie sich bitte unter …) gelesen, alle Spielzeuge und Leinen und Futtersäcke dreimal durchgesehen, und die Diplome der Tierärztinnen und des Tierarztes gelesen, Universitas Bernensis, der Dekan, gebürtig von.

Ein Hund jault, man hört es durch die Praxismauern hindurch. Die Jaultöne schlüpfen durch den Beton hindurch mitten in unsere Ohren. Kriechen in uns. So, er ist jetzt am Aufwachen. Sie können kommen. Es hatte viele Blutgefässe um die Geschwulst herum, wir mussten vorsichtig sein und langsam vorgehen, aber es ist alles gut gegangen. Alles gut gegangen, alles gut gegangen. Gottseidank, gottseidank, gottseidank, da capo. Da jault ein Hund ganz herzzerreissend, sage ich zur Tierärztin. Ja, das ist Neruda, sagt sie – – – Das Jaulen geht uns durch Mark und Knochen, mitten hinein in die Kerne. Hat er Schmerzen? Nein, das ist eine Retrieversache, dieses Klagen und Jaulen, es ist eine Reaktion auf die Narkose, kein Ausdruck von Schmerzen. Danke, danke. Hoffentlich stimmt das, hoffentlich stimmt das.

Da liegt er, und jault. So ohne Mauern zippt das Jaulen an unseren feinziselierten Nerven. Dürfen wir? Ja – – – die Gittertüre geht auf. Er wimmert. Charly stupst mit der Nase an die Nase von Neruda, Bruder, ich bin da, es ist alles gut. Neruda hört augenblicklich auf zu wimmern, hebt den Kopf kurz, sinkt dann wieder zurück. Danke, Charly, danke.

Der blaue, dicke Verband. Ich hebe ihn ins Auto. «Er ist nicht ganz da». Ganz vorsichtig. Das Wort «süüferli». Er ist schwer geworden. Ich habe ihn das erste Jahr die Treppen hinuntergetragen. Ich habe es in meinen Armen gespürt, wie er heranwuchs.
Er legt sich hin, dämmert weg. Zu Hause. Er hat gekräuselte Falten jetzt. Sorgenfalten? Ich schaue, wie er liegt und schläft, die längste Zeit. Schaue ich. Schläft er. Wenn er aufsteht, knickt er wieder ein. Er muss sich an den steifen Verband gewöhnen.

Vier Wochen gehen wir zusammen an der Leine. Er an meiner. Ich an seiner. Wir sind verbunden. Mit einer Schleppleine. Er, der Freiläufer, der Freie, nimmt das hin. Ich perfektioniere das Aufrollen-Abrollen-Aufrollen-Abrollen. Damit die Leine ihm so vorkommt, als wäre sie nicht da. Jeden zweiten Tag Verbandswechsel. Der Eiter, das Blut. «Der Verband darf unter keinen Umständen nass werden». Er ist jedes Mal nass. Die Hundesäckli scheuert er durch. Die Schutzschühchen scheuert er durch. Natürlich regnet es ständig. Vier Wochen lang. Als wollte uns jemand testen. Versuchts doch, wir werden bestehen, wir werden bestehen. Ich gehe ins Meiko in Murten, noch mehr Verbände, wasserabweisende Überzüge, Schutzschuhe («Grösse Neufundländer»). Der Verband ist wieder nass. Die Heilung geht langsam vonstatten. Vonstatten – – – Er legt sich schon von selbst auf die Seite, auf dem Schragen beim Tierarzt. Unaufgefordert. Einmal war ich ein wenig spät. Ich erhalte eine Busse von der Berner Kantonspolizei, 40 Franken. Wir zwei gegen den Rest der Welt. Versuchts doch, wir werden widerstehen, wir werden widerstehen. Wenn der Verband am Eiter klebt und die Tierärztin ihn mit einem Ruck wegreisst, zuckt er leicht. Ganz leicht. Die Wunde bekommt gelbe Ränder. Schorf, Heilung.

Einmal (natürlich, ein Sonntag) riss der Verband mitten im Wald. Während Monika das Auto holt, warten wir. Beweg dich nicht. Ein paar Eitertropfen, ein paar Blutstropfen. Er bewegt sich nicht. Liegt mit mir mitten im Wald und schnauft. Schaut mich an, wie ich ihn anschaue. Bewegt sich kein My. Ein Sonntagsausflüglein in die Praxis. Durch Fahrverbote. Keine Polizei heute. Neuer Verband.

CIMG1855

Charly muss zwangsweise auch kürzer treten. Die Spaziergänge sind manchmal kurz. Ich tus gern für dich, Bruder. Der wasserabweisende Überzug ist ein gelber Schlauch. Er sticht heraus aus dem Schwarz, wie eine elastische Taschenlampe. Wie schmal die Pfote geworden ist. Gemacht worden ist. Jetzt ist Neruda noch filigraner. Ein Hauch. Ein Vierunddreissigkilohauch. Ein Hauch mit grauen Haaren um die Schnauze und einer Zehe weniger. Gelt, es war richtig, gelt, du bist einverstanden?

You ask of my companions? The hills, Sir, and the sundown. And a dog as large as myself that my father bought me. They are better than human beings, because they know but do not tell. Den Briefausschnitt von Emily Dickinson kenne ich auswendig. He knows but he does not tell. Guess I know what he does not tell.

Das erste Mal ganz ohne Verband. Im Wasser geht er auf wie das Glück persönlich. Ich lasse ihn in den Chandon, an der Stelle, an der er immer nach den Spaziergängen ins kalte Bachwasser gleitet, sich ein paar Schlucke genehmigt und dann einfach glücklich im Wasser stehen bleibt, Hitze abführend, Glück ausstrahlend. One happy dog.

Da rauscht es wieder durch mich, wie Wasser, wie Glück. Ich sehe ihm zu, wie er glücklich im Wasser steht, und er sieht mir zu, wie ich glücklich zu ihm schaue, wie er im Wasser steht.

Das haben wir überstanden. Wir vier. Wir vier zusammen.
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Es könnte alles sein

Eigentlich wollte ich etwas zu Leinen, zu Anleinenableinenanleinenableinen-Spaziergängen schreiben. Zu Kniggen, die sich etabliert haben. Oder sagt man Knigges? Ich hatte schon den Titel: My name is Knigge, shut the fuck up! Es hätte etwas gut Durchdachtes, etwas ziemlich Böses auch werden sollen. Das sich gegen jene wendet, die das glitzrige Moralmänteli umhaben, das Ichhabeimmerrechthäubchen, und alle anderen als nackt (ohne Mänteli) ansehen. Gegen jene, die nichts hinterfragen. Die den Knigge wie eine Rüstung vor sich her tragen. Die anderen damit plattwalzen. Da komme ich, ichichich, beiseite, los, haut ab!

Aber dann – – –

Die Schwellung an der linken Pfote. Ganz aussen, am kleinen Zeh.

Er hatte sich den Hodensack aufgerissen, Brombeerstauden. Natürlich – wie könnte es anders sein? – an einem Samstag, ich hielt seinen Kopf, während die Notfalltierärztin den Riss zunähte. Draussen tobte die Fasnacht. Klirr, trööt, gröhl. Geht es, wird Ihnen nicht schlecht? Nein es geht, und dann strich ihm über den Kopf, über die in den Lachgas zuführenden Trichter gestülpte weiche Schnauze. Ich flüsterte ihm gut zu, bildete mir ein, er würde es hören und sich ein bisschen mehr zuhause fühlen. Zuhause. Bei mir – – –

Ich fragte wegen der Schwellung – und das da? Das würde ich schon einmal abklären – – –

Ich ahnte, dass die Risswunde nicht das eigentliche Problem war. Das erste Röntgen ohne Anästhesie. Er ist zwar ruhig, aber für ein X-Ray dann doch zu zappelig. Man sieht die langen filigranen Zehen, mit fahlem Schnee überzuckerte Pflanzentriebe, das grosse L.

Wir schicken das Bild dem Radiologen, zur Beurteilung. Ja, es könnte alles sein. Wirklich alles? Ja, wirklich alles – – –

Das Telefon erreicht mich am Nachmittag. Trifft mich am Nachmittag. Schlägt am Nachmittag in mir ein. Ich stehe neben dem Auto, will gerade einsteigen. Einknicken statt einsteigen. Ja, es wird mir schlecht, nein, es geht gerade nicht. Es geht gerade gar nicht. Der Himmel ist jetzt schwarz. The north, the south, the west and the east.

Drei Wochen Antibiotika – vielleicht (vielleicht)(hoffentlich)(bittebitte) geht die Schwellung zurück. Er erhält die Tabletten. Antirobe. 2 am Morgen, 2 am Abend, eine Tablette à 75 mg, die andere à 300 mg – die strenge Schönheit der Zahlen, Bojen im windgepeitschten Meer. Antirobe. Er saugt sie mit Le Parfait in sich hinein, schliesst dazu die Augen halb, er liebt Le Parfait. Alle Hunde, alle ohne Ausnahme, lieben Le Parfait. Le Parfait wurde als Geschenk für die Hunde erfunden – – –

(träum weiter)
((ja, tu ich)).

Antirobe.

Wirk, du Mittel du, los, wirk. Wirk, wirk, wirk! Schlag deine Reisszähne in «es könnte alles sein».

Die Schwellung geht nur sehr langsam zurück. Viel zu langsam. Das Weiche ist weg. Darunter das Harte, Knubblige. Das bleibt.

Es bricht mir schier das Herz, wenn er im Wald herumfretzt. Wenn er seinen Kopf in meine Kniekehle legt. Wenn er zufrieden rochelt, wenn ich ihm die Ohren kraule. Wenn er schläft, zusammengerollt. Wenn er mich am Morgen begrüsst und wie immer die Hand abschleckt. Als wäre nichts. Rein gar nichts.

Ich möchte etwas schreiben darüber, was die Hunde zum «besten Freund» gemacht hat. Darüber, wieso die Clichés alle entstanden sind, zu denen man sagen muss: sometimes clichés apply. Wieso Franz von Assisi mit dem, was er geschrieben hat über Hunde, recht hat1. Richtig lag. Wieso Lord Byrons Epitaph so durch alle Knochen in das Seelchen, mitten in das Seelchen fretzt2. Whose honest heart is still his master’s own – – – Wieso Thomas Mann nicht in meinen Longsellerlists figuriert.

Es sind die Geschichten. Menschen haben Sehnsucht nach Geschichten, wie Durst, wie Hunger. Friss mich, nähr mich. Sehnsucht nach diesem Pfeffer, dem Pulsen, dem Fortschreiten, und wir sind das Gericht, die Ader, die Pilger. Mit Hunden verbinden wir unverwechselbare Geschichten. In den Geschichten bin ich ich. Es kann sie mir niemand nehmen. Gar niemand. Ich bin eingegossen in eine lange Kette von Geschichten. Die Hunde erfüllen unsere Sehnsucht nach Geschichten. Neruda – meine Geschichte. Unsere – – –.

Und was diese Geschichten so nahe legt, warum sie in uns dreschen, ist die Tatsache, dass sie atmen, gehen, uns anschauen. Sie sind nicht einfach erzählt, sie erzählen sich selbst. Das ist es. Kompliziert? Nein. Das hier mit Neruda, das ist – – – basal.

In der Nacht die Träume. Vor den Träumen die Angst vor dem Einschlafen. Du darfst auch im Traum nicht – – – sterben. Da ist es. Es könnte alles sein. Dance me through the panic, till I’m gathered safely in.

Das zweite Röntgenbild. Die Tierärzte merken, wie ich wackle. Ich kann fast nicht hinschauen, auf den fahlen Schnee. Ich sehe hin. Auf den Schnee – – – Er ist noch in der Narkose. Ja, die Biopsie muss sein.

The panic. Auf Englisch ist sie 3 Zentimeter weiter entfernt. Vier. Fünf. Sieben Proben.

Man nimmt mich ernst. Mein Wackeln. Mein Zittern. Ruhige Erklärungen. Ich könnte nicht Tierarzt sein. Das könnte ich nicht.

3 Tage warten. 3 Tage. Sind 3 Wochen. Sind 3 Jahre. Sind die Ewigkeit. Und weiter mit Antirobe.


Ein Riss mitten durchs Herz.

Ich fahre an der Praxis vorbei. Nein, nicht hinein. Ein Tag mehr Hoffnung. Nur ein wenig. Es birebitzeli. Bitte. Bittebitte. Bonsaihope. Flackerflämmchen. Da stehe ich am Empfang, die Knie schlottern, die Welt verschwimmt. Telefon ans Labor. Wortfetzen.

Nein, es ist noch nicht untersucht. Es könnte immer noch alles sein. Kalk auswaschen. 7 Proben. Wirklich alles? Ja, alles.

Morgen, morgen wissen wirs. Das rote Verbändchen leuchtet an seiner schwarzen Pfote. Rot wie – – – wie – – –

Er spielt mit der Appenzellerhündin vom Biobauernhof, sie jagen und tollen und fretzen und donnern und wirbeln durch den Wald. Es donnert durch mich. Durch den Körperraum. Einschlagen. Entzünden. Getroffen.

Ich sitze beim Kaffee, als die Meldung kommt. Es kappt mir die Sprache. Nicht mal das Schlucken klappt. Geht. Funktioniert. Siehst du. Das rote Verbändchen ist ausgefranselt und schmutzig. Ich habe ihn trotz allem baden lassen.

Mir fehlten die Worte, um wirklich beschreiben zu können, was vor sich ging.
Mir fehlen die Worte, um wirklich beschreiben zu können, was vor sich geht.

Die brackigen, schwefligen Duftschwaden, die es aus dem Loch emporwehte, an dessen Rand ich stand. An dessen äusserstem Rand ich stand.

Das Oxytocin rauscht durch meine Kapillaren.

Ich werde nie mehr einen Spaziergang abkürzen. Ich werde die Zusatzschlaufe machen, versprochen.
Du darfst noch einmal in den Murtensee, obwohl ich eigentlich schon gehen wollte, versprochen.
Ich kraule dir deine Ohren, solange du willst, versprochen.
Hier hast du ein Fresh, obwohl du schon genug hattest.

Er hoppelt voraus. Frisst frisches zartes Gras. Er schaut sich kurz um, ob ich auch wirklich komme. Ja, ich komme. Ich bin da.

Das rote Verbändchen ist schon ganz abgeschossen. Es leuchtet noch ganz schwach. Über uns ruft der Kuckuck. Zum ersten Mal dieses Jahr.


1 Dass mir mein Hund das Liebste sei, sagst du, oh Mensch, sei Sünde, mein Hund ist mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.

2 Epitaph to a Dog
Near this spot
are deposited the remains of one
who possessed beauty without vanity,
Strength without insolence,
Courage without ferosity,
and all the virtues of man without his vices.

This praise, which would be unmeaning flattery
if inscribed over human ashes,
is but a just tribute to the memory of
BOATSWAIN, a DOG,
who was born in Newfoundland may 1803
and died at Newstead nov. 18, 1808.

When some proud son of man returns to earth,

Unknown by glory, but upheld by birth,
The sculptor’s art exhausts the pomp of woe,
And storied urns record who rests below.
When all is done, upon the tomb is seen,
Not what he was, but what he should have been.
But the poor dog, in life the firmest friend,
The first to welcome, foremost to defend,
Whose honest heart is still his master’s own,
Who labours, fights, lives, breathes for him alone,
Unhonoured falls, unnoticed all his worth,
Denied in heaven the soul he held on earth –
While man, vain insect! hopes to be forgiven,
And claims himself a sole exclusive heaven.

Oh man! thou feeble tenant of an hour,
Debased by slavery, or corrupt by power –
Who knows thee well must quit thee with disgust,
Degraded mass of animated dust!
Thy love is lust, thy friendship all a cheat,
Thy tongue hypocrisy, thy words deceit!
By nature vile, ennobled but by name,
Each kindred brute might bid thee blush for shame.
Ye, who perchance behold this simple urn,
Pass on – it honors none you wish to mourn.
To mark a friend’s remains these stones arise;
I never knew but one – and here he lies.







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Jackpot, love

Heute läuft alles so gut, so rund, so handinhand, so samten. Es läuft schon längere Zeit so gut im Rudel, in der Gruppe, im Pack (Bevorzugtes bitte ankreuzen).

Aufmerksam, lebendig, fröhlich, verspielt. Keiner verletzt. Keine Lämpen. Fang immer offen, ein Lächeln, vom Morgen bis am Abend.

Vorgestern hat er mit der Katze gespielt. Die Katze legte dann eine Pfote auf seinen Kopf und hat ihn mit der Zunge abgeleckt. Die längste Zeit. Das hat uns heftig gerührt. Vielleicht hat Otto das den Hunden abgeschaut. Vielleicht ist Otto ein Hund, partiell. Es steht ihm gut. Manchmal liegen die Tiere bei uns am Abend, und wir kraulen sie, und sie reiben ihre Köpfe an uns und Otto schnurrt. Wir brauchen dann nichts anderes, nichts mehr. Jackpot, love.

Gestern konnte ich ihn mit der Hundpfeife von einem Reh zurückordern. Es war keine 10 Meter entfernt und ergriff sofort die Flucht. Manchmal sind wir zu still im Wald. Es war am Eindunkeln. Das Reh konnte uns nicht erwarten. Es war nicht gewarnt. Er ist schnell, er hätte es einholen können. Er kam umgehend zurück. Jackpot. Love you.

Heute traf Rudel auf Rudel (Gruppe auf Gruppe etc.…), im anderen ein Tervueren. Man musste ein Auge auf die Hunde haben. Die andere Hundebesitzerin verstand etwas von Hunden. She had an eye on them, for it. Wir konnten das Aufkeimen von problematischen Situationen problemlos verhindern. Mal sie, mal ich. Wir sprachen nicht darüber, wir mussten nicht darüber sprechen, es ging einfach so. So handinhand, so samten. Jackpot. Love you.

Die zwei Lagotti, die mit dem Tervueren das Rudel (die Gruppe…) bildeten, finden regelmässig Trüffel, sagt sie. Jetzt hat es fast keine Restaurants mehr, die Abnehmer sind. Weihnachten und Neujahr, das ist die Trüffelhochsaison. Dann noch das Skirennen in Adelboden, am Kuonisbärgli, da gabs noch Abnehmer. Trüffelflan für die Mehrbesseren, sagt sie. Unsere Mehrbesseren, die wirklich mehr Besseren, spielten derweil um uns herum.

Dann kam noch die Frau mit dem Soft Wheaten Coated Terrier und dem Yorkie. Auch das ein Flutsch. Jackpot, love.

So geht das schon eine längere Zeit.

Die Spaziergänge sind schön. Der Wald. Der See. Die Felder. Die Bauern. Die Waldarbeiter. Wenn es schneien würde, würden die Hunde im Schnee herumtollen. Wenn es regnet, tollen die Hunde im Regen herum. In den Glunggen.

Die Rettungsschirme, die Castingshows, die unverfrorenen Lügner in Politik, Wirtschaft und Showbiz, alles peripher. Da, aber peripher.

Das Zentrum, das ist etwas anderes. Ein offener Fang. Jackpot, love.
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The loneliness of spirit

Er fehlt mir, wenn er nicht bei mir ist – – –

Im Sommer ist es heiss, das Auto heizt sich schnell auf. Wir haben den Aufpreis für die Klimaanlage und die Scheibentönung im Dacia nicht wegen uns auf uns genommen, sondern wegen den Hunden. Wenn es wirklich, wirklich heiss ist, lassen wir die Hunde lieber zuhause, wenn wir einkaufen gehen. Sie können dann im Schatten ruhen. Wenn wir einkaufen gehen, sind wir höchstens 45 Minuten weg. Aber die Hunde fehlen uns schon. Schon nach 20 Minuten. Oder sagen wir: 10 – – –

Wenn wir nach Hause kommen, zeigen die Hunde eine derart grosse Freude, als wären wir ein ganzes Jahr weggewesen. Das rührt uns. Das rührt uns sehr. Was für grossartig zugewandte Menschen diese Hunde sind – – –

Am 1. Dezember 2005 griffen Hunde «vom Pitbull-Typus» im Zürcherischen Oberglatt den sechsjährigen Kindergärtler Süleyman an und töteten ihn. Von Behörden und auch aus Hundekreisen hörte man im Zusammenhang mit diesem Ereignis oft den Ausdruck «Bissunfall». Das ist eine Beschönigung. Es war zumindest ein «Unfall mit Ansage». Der Hundehalter Morris Castellarin nannte das Ganze gar «ein blödes Ereignis». In der Tat. Er wurde zu 30 Monaten verurteilt, und kam dann «wegen guter Führung» (im Gefängnis, nicht von Hunden) nach 20 Monaten frei.

Politikerinnen und Politiker nahmen den Vorfall zum Anlass, die Schrauben anzuziehen. Als hätte man darauf gewartet. Nationalrat Heiner Studer (EVP) und Nationalrätin Kathy Ricklin (CVP) erklärten, sie seien «hoch motiviert, in den nächsten Monaten griffige Massnahmen gegen Kampfhunde zu ergreifen». Griffige Massnahmen. Das Wort «griffig».  – – –

Hundehaltende müssen jetzt einen sogenannten Sachkundenachweis erbringen. Ein bisschen Theorie, ein bisschen Praxis. Schrauben anziehen. Es ist schwierig, den Nachweis zu erbringen, dass der Sachkundenachweis erbracht wurde. Administration. Personal. Kontrolle. Sanktionen. Personen wie Morris Castellarin besuchen keine Kurse für den Sachkundenachweis.

«Kommunikation» äussert sich heute immer deutlicher darin, dass ein Wort das andere anstösst. Griffig. Massnahmen. Wie Dominosteine stossen Worte Worte an, und die Repliken auf die angestossenen Worte sind ebenfalls von Worten angestossene Worte. Es gibt fast keinen Ausweg aus diesem weich gepufferten, abgeschliffenen, zartgeölten, gekämmten Wenndieseswortdannjeneswort-System.

In jemanden, der es geschafft hat, diesem System nicht zu erliegen, verliebe ich mich fast unweigerlich. Die Responsorien von Trakl sind etwas anderes als das Wenndieseswortdannjeneswort-System. In den Gedichten von Trakl leuchtet ein Wort ein anderes über die Zeilen hinweg an, und der Sprachraum erhellt sich so immer mehr, bis er ein Lichtersaal ist, durch den man dann staunend spazieren kann. Oft sind es Schriftsteller, die dem Wenndieseswortdannjeneswort-System entgehen. Sie sind die Distanzhalter zum Jargon. Der Preis für die Distanz ist allerdings hoch. Aber das ist eine andere Geschichte – – –

Die «Hundediskussion» ist fast ausschliesslich eine Diskussion, die im Wenndieseswortdannjeneswort-System geführt wird. Leider ist es so: Wenn man den Phrasen nachgeht bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden, (Büchner hat in Dantons Tod eine seiner Figuren – Mercier – sagen lassen: Blickt um Euch, das Alles habt Ihr gesprochen, es ist eine mimische Übersetzung Eurer Worte), steht man vor Verboten, Richtlinien, Gesetzen, Sachkundenachweisen, Sanktionen.

Die Leute von Prevent-a-bite1 gehen in die Schulen und Kindergärten und fechten einen heroischen Kampf.
In der Schule für Blindenhunde in Allschwil lernen Hunde (meistens Labradore, Labrador Retriever, Retriever, wie Neruda – – – ), für Blinde die Welt zu sehen. Die Sonne zu sein – – –
Das verlässlichste Barryvox der Welt hat eine feuchte Schnauze.
Hunde detektieren für uns Trüffeln, Blasenkrebs, Verschüttete, Glutamat, Semtex.

Und so weiter, und so fort – – –

Hunde sterben wegen uns.
Hunde sterben für uns – – –

Der Lebensraum des Hundes wird enger und enger. Er wird so eng, dass Hunde zu beissen beginnen. Instinctive drift – – –

Beton. Strassen. Gesetze. Moral. Städte.

Mein Lebensraum wird enger und enger. Es wird so eng, dass – – –

Die Seele, das Seelchen beginnt zu japsen. Animula vagula blandula2 – – – Der Schwanengesang von Kaiser Hadrian – – –

Hunde sind Zeichen der Weite. Sie kommen aus der Weite. Könnten uns dorthin zurückführen – – –

Ich versuche, in der «Hundediskussion» die Distanz zum Jargon zu wahren. Es ist schwierig. Es ist sehr schwierig. Wir sind umzingelt von jovial grinsenden Worten. Von Vorgaben, was Anstand sei. Was das Richtige sei. Was fachlich gesichert sei. Wie etwas zu sagen sei. Was man gegenüber jemandem, der etwas sagt, zu sagen habe. Wenndieseswortdannjeneswort-System – – –

Ich möchte die Hunde verteidigen und sagen, wieso wir uns verteidigen, wenn wir sie verteidigen. Unseren Raum. Unsere Weite. Oh ja: Unsere Freiheit (liberté, freedom).

Aber meistens fehlen die Worte. Oder sie fallen massiert über mich her, und dann fehlt die Luft auch, die Wort-Luft. Dran bleiben. Dran bleiben, Rolf. Den Mund über Wasser halten. Über der Kloake.

If the beasts are gone, we will die of loneliness of spirit.3

So etwas meinte ich. Einfach mit anderen Worten. Einfach – – –
.


1 http://www.prevent-a-bite.ch/index.htm

2 Du schweifendes schmeichelndes Seelchen / Gast meines Körpers, Begleiter / In welche Fernen zieht es dich jetzt / So nackt und so blass und schon so steif / Und die fröhliche Zeit ist vorbei. (Kaiser Hadrian)

3 ASKANI, Tanja: Wolfsspuren. Baden und München (AT Verlag). S. 7.

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This cat’s in the dog house


This cat’s in the dog house – ein Lied von Rosie Flores, das sie am Countryfestival Schwarzsee spielt. Die cat ist zu Hause und heisst Otto, ein Palindrom. Von vorne und von hinten ist es immer Otto. Schwarz wie Neruda. Ohne ein einziges weisses Fusselchen – – –

Aber eben ein Kater.

Schnurren versteht Neruda als Knurren. Nix Palindrom. Drohung – – –

Er jagt den Kleinen. Grenzen setzen. Es zwickt ihn. Es hegelt ihn. Es triggert ihn. Weil er rasch begriffen hat, dass es nicht geschätzt wird, wenn er Otto jagt, schaut er in die Ecke oder hinter den Ofen oder aus dem Fenster – so muss er dieses schwarze Getüm nicht anschauen, das ihn, eben, zum Jagen jagt, wenn er es sieht.

Er hat im Schwarzsee gebadet. Wir sind hinspaziert, und als er ihn sah, den Schwarzsee, ist er sofort hineingetunkt, hineingeglitten, in sein Wasser geschloffen, ohne dass ein Stecken hätte geworfen werden müssen.
«Hätte geworfen werden müssen» schaffen Schüler heute nicht mehr. Es gibt dann so schwarze Ungetüme wie «hätte werfen gewollt müssen haben sollen». Wir mussten das noch büffeln. Konjunktiv mit Modalverben. Katzen jagen ist für Neruda ein Imperativ. Das ist einfach und rasch begriffen. Ich weiss nicht, ob es einen Konjunktiv gibt für ihn. Ich glaube schon. Ich möchte. Was wäre wenn.

Wie eine Reihe von liquiden Perlen reihen sich die Seen und Flüsse, in die er schon geglitten oder gedonnert ist, vor meinem inneren Auge auf. Viele Seen, viele Flüsse, Bäche. Lauwarmes Wasser. Eiskaltes Wasser. Salzwasser. Brackwasser. Glasklares Wasser.
Muddy waters. Where peaceful waters flow. Das Wasser ist sein Etui aus Samt. Wasser liebkost ihn – – –

Während Rosie singt, müssen die Hunde im Auto bleiben. In der Schmidtbox. Ich lasse ihn nicht gerne allein zu Hause. Dann lieber im Auto, wo er nicht Ewigkeiten und Meilen entfernt ist, sondern nur Katzensprünge und Minuten. Otto home alone. Wie lange wird es dauern, bis er und Neruda zusammen auf dem Sofa liegen? Und mich vielleicht auch dazu lassen? Charly hat rasch Kontakt aufgenommen zu Otto. Er versucht es. Hartnäckig. Schlau. Er geht klug und strategisch vor, deeskalierend.
«Deeskalieren» kennen Schüler nicht mehr. Weder das Wort, noch das, was es ausdrückt – – –

Neruda findet länger,
two dogs im house seien enough. Es ist besser geworden mit dem Jagen. «Besser» meint natürlich nicht, dass er die Rehe jetzt erwischt. Es meint, wir können ihn öfter und besser zurückrufen, besser kontrollieren. Das Hundewissen von Monika, der Einfluss von Charly und vielleicht auch ein wenig ich – – –

Nach zwei Wochen kann er Otto bereits anschauen, ohne dass er abdrückt. Ohne dass es ihn abdrückt. Er schnüffelt sie bereits ab, von hinten, wie Charly. Von vorne – da faucht Otto noch. Es ist anstregend. Wir schaffen das. Nein, Neruda, Otto ist keine Konkurrenz. Einfach noch ein Freund mehr. Neruda ist so begabt für Freundschaft. So bewundernswert begabt – – –

Er ist der freundschaftlichste Hund der Welt – – –

Der Chandon, der Schwarzsee, neue Wasser. Die Sense. Der Lauenensee.

Wenn die Hunde mitkommen, können wir in der Pause rasch nachschauen gehen und sie hinter den Ohren kraulen. Sie warten so geduldig. Sie freuen sich so, wenn wir zurückkommen. Als wären wir drei Wochen den Highway # 1 abgefahren, von San Francisco bis nach San Diego. Rosie Flores kann auch Elvis. Rosie Flores kann auch Blues. Das Konzert ist schön, das Chili gut, die Linedancer – – – die Hunde sind nah, es ist alles sicher und gut, gut und sicher. Es regnet, der Regen prasselt aufs Festzeltdach,
this cat’s in the dog house, singt Rosie Flores.

Ich lege mich in den Rasen zu ihm. Hinter ihn. Das tue ich öfters in letzter Zeit. Seit Otto da ist. Neruda rollt sich rückwärts an mich. Er streckt sich lang. Zwei Bananen im Gras. Die Ameisen krabbeln durchs Gras. Die Schermaushügel sehen, so vom Boden aus, grösser aus, als sie in Wirklichkeit sind. Die Wirklichkeit – – -

Er schliesst die Augen. Ich schliesse meine Augen. Da liegen wir, im Gras. Was wir jetzt sehen, gehört uns – – – Ich spüre, wie sein Herz schlägt. Er spürt, wie mein Herz schlägt. Bumm bumm bumm. Bumm bumm bumm.


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Knötchen in re Anxilla

Es war heiss, die heisstesten Tage des Sommers. Er mit seinem schwarzen Fell – – – Wir lagen unter dem Apfelbaum, im Schatten. Er legte sich zu uns. In den Schatten. Das ist meine Familie, denke ich. Es ist eine gute Familie. Der Apfelbaum trug dieses Jahr genau 4 Äpfel. Einer ist bereits heruntergefallen. Jetzt sinds noch drei.

«Knötchen in re Anxilla, gut verschieblich», steht auf dem Zettel der Tierärztin. Er liegt da, ich darf mein Bein auf ihm ruhen lassen. Er liegt da, selbstverständlich darf er seinen Kopf auf meinem Bein ruhen lassen. Es ist ein Lipom – – – Das hoffe ich – – Das sieht danach aus  – – – Keine weiteren, keine anderen Gedanken zulassen.

Er hat sich im Laub gesuhlt, nachdem er aus dem Brunnen im Wald gestiegen war, in dem er sich jeweils bis zur Nase eintaucht. Er hat sich nicht geschüttelt danach. Er sah sehr glücklich aus, so paniert wie er war. Er sah aus wie ein richtiger Hund, der ein richtiger Hund sein darf. Meistens. Fast immer.

Manchmal greife ich nach dem Knötchen. Dem Lipom – – – Es ist noch da. Es ist «leicht verschieblich», es wird nicht grösser. Lieber Gott – – –

Es ist wieder so heiss. Caniculae, man denkt an Caniculae. Die Hundstage. Ich gehe an den See mit den Hunden. Sie sollen sich abkühlen. Sie wollen sich abkühlen. Läuft der Brunnen noch – – – ist das Wasser im Napf frisch und nachgefüllt? Er liegt im Keller, dort ist es kühler.

Die Giardien haben wir «in den Griff bekommen».
Den Fliegenpilz.
Das Rückgrat. Das Frisbee – – –
Den gerissenen Muskel.
Die Wasserrute.
Das Loch im Auge.
Den Durchfall, den monatelangen, von den Giardien – – –

Beim Longieren hat er «den Knopf aufgetan». Wunderbar, wie er die Runden drehte, so aufmerksam. Das Knötchen behindert ihn nicht.

Ich telefoniere regelmässig mit Beat. Gowi hat einen Tumor im Kopf. Man kann ihn sehen, ein Buckel auf dem edlen Haupt. Gowi, der Onkel. Der Beschützer. Der Jugendfreund. Der Mentor. Der Freund. «Such a lovely, lovely, friendly dog». Nach dem Gewitter in den Grenchenbergen lagen sie beisammen auf dem Balkon und ruhten sich aus. Schnauze an Schnauze. Hellroter Schleim fliesst aus Gowis Nase. Er frisst jetzt das weiche Fresh-Futter. Hartes Futter schmerzt ihn beim Kauen. Man wacht auf in der Nacht, und man ist besorgt – – – Gowi atmet schnappend. Wenn er auf Besuch ist, freut er sich so sehr, uns und die Hunde zu sehen. Die Hunde und uns. Lieber Gott – – –

Er ist jetzt alt und krank. Er wurde von einem Schäferhund angegriffen. Er kann sich nicht mehr wehren. Neruda und Charly gehen sehr behutsam mit ihm um. In seiner Nähe schalten sie einen Hundegang zurück. Das ist keine Einbildung. Das ist so – – – Sie haben Gowi gern. Gowi ist immer noch Gowi. Hunde können vieles besser als wir.

Gowi – – –

Das Knöllchen bei Neruda wird nicht grösser. Es ist leicht verschieblich.

Es wird noch die ganze Woche heiss bleiben. Juan Rulfo fällt mir ein. Der Beginn des Romans «Pedro Páramo», wie «ich» an einem Hundstag herabsteigt nach Media Luna, mit einem Ochsentreiber. Es ist ein symbolisch gerahmtes Bild: Der Gang hinab in die Hölle, Chairon ein Ochsentreiber. Arriero heisst das auf Spanisch im Original, ich kann mich daran erinnern. Dann vergesse ich das Bild wieder, oder Nebel legt sich um es. Weil ich daran gedacht habe, wie es ihm wohl gerade geht, jetzt in dieser Hitze. Da kann ich nicht mehr an Romane denken, auch wenn sie so gut sind wie dieser, so suprem. Dann muss ich rasch nachschauen gehen und ihm über den Kopf streichen. Das supreme Haupt – – – Jetzt – – –
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In defence of dogs


Früher ging ich oft am Bielersee in Ipsach mit Neruda spazieren. Jetzt gehe ich da nicht mehr hin. Es hat jetzt dort Verbotsschilder. Man muss den Hund an die Leine nehmen, es drohen bei «Zuwiderhandlung» Bussen bis zu 1000 Franken.

Hundebesitzer sind Schwerverbrecher.

Ausser im Spätfrühling, im Hochsommer und im Frühherbst ist in Ipsach am See kaum jemand. Früh morgens sowieso nicht. Dann, wenn die Hunde unterwegs sind. Am auszwirbelnden Rand der Nacht – – –

Neruda kannte jeden Grashalm. Jeden Schwarzdornast. Die Strecke von Nidau über Ipsach bis nach Sutz kannte er wie seine Westentasche, die er nicht hat. Die er doch hat – – –

Ich habe viel erlebt am See mit ihm. Es war schön. Ich glaube, auch für ihn. Er war gern dort. Und immer freundlich und offen – – – Eine Seele. Ein Happy-go-lucky.

Die Partysuchthaufen am See zerstören die Grillplätze. Sie werfen Bierflaschen auf die Gehwege, in den See, in die Boote. Sie zünden die Abfallkörbe an. Sie zerstören die Holzhäuser der Gemeinde. Sie brechen ins «Cruchon» ein. Sie lassen alles liegen. Sie benutzen die Toiletten nicht. Sie benutzen den Wald. Wenn sie die Toiletten benutzen würden, würden sie sie zerstören, Deshalb sind die Toiletten über Nacht geschlossen.

Der «Sicherheitsbeauftragte» kontrolliert Hundehalter.

Vor den Feierbrüdern und -schwestern hat er Angst. Er ist ein Höseler.

Manchmal schwamm ich im Sommer hinaus in den See. Die Sonne ging auf. Aus dem Dunst zeichnete sich nach und nach die Sankt Petersinsel ab. Rousseau stand grad auf und ging dann mit der Botanisierbüchse ins Feld. Er hatte gern Traubengelée zum Frühstück. Neruda schwamm neben mir hinaus, die Sonne leuchtete in seinen Augen, und die Augen leuchteten dazu aus sich selbst heraus. Das innere Licht – – – Das auf mich überging, wie eine Folie über mich schloff.

Mit ihm hinauszuschwimmen gegen Rousseau, machte mich sehr glücklich. Ich war zuhause. Schwimmend angekommen. Auf schwankem Grund – – –

Dass Gemeinden «Sicherheitsaufgaben» an private Sicherheitsfirmen «auslagern», finde ich bedenklich. I’m a democrat. I defend democracy. I stand up for democracy. Das sagen die anderen «Demokraten» auch. Aber sie sitzen nur. Sie standen nicht up. Sie erlassen Sicherheiten. «Sicherheiten».

In Ipsach ist es eine fünfköpfige «Sicherheitskommission», welche die Verbote «erlassen» hat. 3 zu 2 war das Resultat der Abstimmung. Die Begründung für die Verbote wurde erst am Gespräch mit der Gemeinde, das ich mit einem anderen Hundehalter verlangt hatte – – – in defence of dogs – – – hervorgebrösmelet: Die anderen Gemeinden machen das auch, und weitere Fadenscheinigstkeiten.

Im Jahr 2010 wurden in der Schweiz 328 Menschen bei Verkehrsunfällen getötet, und 4'508 wurden verletzt. Das wird als Erfolg gefeiert, es sind weniger geworden über die Jahre.

Im Jahr 2009 wurden in der Schweiz 38'493 Rehe von Jägern getötet.

Ich wohne jetzt nicht mehr in der Gegend. Es tut mir leid für die Hunde in Ipsach. Und für deren Halter. Es läuft noch eine Unterschriftensammlung. Vielleicht wird man das Verbot lockern: Man darf den Hunden dann Freilauf gewähren, solange am See keine Parkgebühren bezahlt werden müssen. Die Parkometer werden dann abgedeckt, und vielleicht die Verbote auch. Sack drüber von Oktober bis Ostern.

Neruda hat oft heiss im Sommer – – – das schwarze Fell. Er schwimmt so gerne. Er tut fast nichts lieber als schwimmen. Er blüht richtiggehend auf im Wasser. Und ich blühe richtiggehend auf, wenn er richtiggehend aufblüht – – – Der Bielersee und Neruda, das war Liebe.

Hundehalter sind zu brav. Sie haben Sitz und Platz internalisiert. Wir müssen aufwachen und uns wehren. In defence of dogs.

Der Text wird so lang, weil mich die Geschichte fast erstickt. Buchstaben als Luft – – –

Ich habe dann noch, nachdem wir bereits einen langen Brief an die Gemeinde geschrieben hatten, einen Leserbrief geschrieben, der dann, naturgemäss gekürzt, im Biel-Bienne erschienen ist:

Leserbrief zum Artikel «Wuff soll weg» (Biel-Bienne vom 29./30. Juni 2011)


Die Gemeinde Ipsach hebelt jetzt Hunde und damit naturgemäss deren Halter mit massivsten Bussenandrohungen elegant vom See weg. Sie folgt damit wie die alte Feuerwehr anderen Gemeinden, die das auch tun.
Me too, me too! Eines weiss ich jetzt: Mein Entscheid, einen Hund zu halten, war der Entscheid, ein Schwerverbrecher zu werden.

Die direkt Betroffenen wurden nicht gefragt. Es gab keine Vernehmlassung. Es wurde kein Gespräch gesucht. Das müssen jetzt diejenigen Personen, die mit Hunden leben, selber organisieren, und das ist aufwendig, mühsam. Wir sind von Anfang an einen Schritt hintendrein, kommen schon zum Start zu spät. Dass
«ein paar Bürger die Einschränkungen bedauert hätten» ist eine deftige Beschönigung – das tönt dann so glatt, so einvernehmlich. Die Wahrheit ist eine andere: Das schnittige und kalte Vorpreschen der Gemeinde hat nicht wenige, um es nett auszudrücken, stark angesäuert. Deshalb haben ein paar von uns das Gespräch gesucht mit der Gemeinde, sammeln jetzt Unterschriften, versuchen das Wenige und wohl Aussichtslose, was man in so einer Situation unternehmen kann.

Den Entscheid hat die «Sicherheitskommission» locker gefällt – wer ist dafür, wer dagegen, nächstes Traktandum. Immerhin, im Boxen würde man von einer Split decision sprechen: Drei gegen zwei. Dass zwei, wie ich weiss, unter dem Entscheid sogar echt leiden, ehrt sie. Es wäre anständig und angebracht gewesen, wenn die direkt Betroffenen gefragt worden wären: Die Schwerverbrecher, die Hunde halten. Und es wäre wohl auch dienlicher gewesen, wenn man sich den tatsächlichen «Sicherheitsproblemen» gestellt hätte, von denen gibt es am See mehr als genug. Aber Vandalen, Diebe, Abgedrehte, Volltrunkene, Phon-Immune und Viel-Litterer auszuhebeln, ist halt viel schwieriger als die braven Hundehalter, die bereitwillig Sitz und Platz machen.

Jetzt gehört der See ganz den fröhlichen Partygängern und den revierbewussten Grill-Clans. Beim ersten Herbstgewitter werden die gegangen sein, dann kommt der lange, einsame Winter, und Tag um Tag geht ins Land. Ausser Hundehaltern hat es jeweils am See zwischen September und April niemanden. Und bis um 9 Uhr morgens übrigens auch im Sommer kaum jemanden. Die Verbote am See gelten aber für das ganze Jahr, 24 Stunden, 365 Tage.

Der Hinweis, es
«gebe noch genügend Gebiete, wo die Vierbeiner ihren Bewegungsdrang frei ausleben können» entspricht schlicht nicht den Tatsachen. Es ist palliativ dahergesagt. Solche Gebiete gibt es schon lange nicht mehr, abgesehen von der Setzzeit der Wildtiere und der Jagd haben Einschränkungen, Verbote, Verordnungen und nicht zuletzt auch unhinterfragte und oft ein wenig grossspurige Haltungen gegenüber Tieren ganz allgemein dazu geführt, dass das Wort «frei» zynisch gebraucht wird und es, betrachtet man die Sache näher, eigentlich unmöglich geworden ist, als Tierhalter das Tierschutzgesetz einzuhalten.

Was mir, über alle lokalen Kalamitäten hinaus, zu denken gibt: Die Geschichte zwischen Mensch und Hund ist sehr alt und sehr lange. Für den Hund war (und ist) sie wohl nicht immer positiv, für den Menschen schon, und ich denke hier weniger an Lawinenhunde, Blindenhunde, Therapiehunde oder an die Border Collies meines Nachbaren, die grosse Schafherden klaglos und perfekt von morgens früh bis abends spät hüten, wie sie das schon seit hunderten von Jahren tun. Ich denke an etwas, für das es sehr schwierig ist, Worte zu finden, etwas, das sich in den anthropologischen Rinden der Menschheitsgeschichte abgelagert hat. Der englische Biologe John Bradshaw, der diese Rinden erforscht, hat dazu ein tiefsinniges Buch geschrieben mit dem Titel «In defence of dogs». Er hätte es auch «In defence of humans» nennen können. Ich befürchte, wir sind an dem Punkt, an dem wir sie (uns) verteidigen müssen. Die Gemeinde Ipsach hilft mit dem unüberlegten, kleinherzigen und irgendwo auch herablassenden Vorgehen, mit diesem Mitpflastern an Einschränkungen und Marginalisierungen, diesen dünnen Faden – für den es schwierig ist, wie gesagt, die richtigen Worte zu finden – zu kappen. Die Hundeverbote sind nur ein Ausdruck von etwas Umfassenderem – Und dagegen sollten wir uns wehren.

Natürlich verpuffen solche Aktionen. Wir verlieren immer mehr Raum. Wir verlieren – – –

Es ist nicht, um zu gewinnen. Es ist, damit die Seele nicht sauer wird.

Ich lese ein sehr kluges Buch, ein tiefsinniges, das sich mit diesen schwierigen, weit über die Hunde hinausführenden – und doch zu ihnen hinführenden – Themen beschäftigt. Es trägt, wie im Leserbrief erwähnt, den schönen und überlegten Titel «in defence of dogs».1 Darin lesen ist bereits der Anfang der defence.

Wir haben am Murtensee eine Stelle gefunden, an der man in den See hinausschwimmen kann. Das Wasser wird kühl sein. Unter uns werden die Welse bläulich phosphoreszieren. Sie tun das, wenn zwei über ihnen schwimmen, die sich gern haben. Kluge Fische.

Die Insel sieht man dabei nicht. Dafür Lugnorre, Bellerive und den Vully.

Aber das ist nebensächlich. Wichtig ist das Gemeinsame. Die leuchtenden, warmen Augen – – –



1 BRADSHAW, John: In defence of dogs. Why dogs need our understandig. London 2011 (Penguin Books). Es gibt auch eine amerikanische Ausgabe, der Titel des (identischen) Buches lautet: Dog Sense. How the new science of dog behavior can make you a better friend to your pet. New York 2011 (Basic Books).

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Tickcoated Retriever

Zecken.

Mich hat das interessiert, weil es Neruda auch anging. Alles, was ihn angeht, geht mich auch an. Nam tua res agitur, paries cum proximus ardet, es ist nämlich DEINE Sache, die verhandelt wird, wenn die Wand des Nachbars brennt, und Neruda ist ganz sicher – – – proximus.

Es gibt (Stand 2004) 899 valide (als solche anerkannte) Arten von Zecken.1

Englisch ticks.
Französisch tique.
Spanisch garrapata.

Agarrar heisst auf Spanisch «packen», und pata heisst «Pfote» oder, herzig, «Beinchen». Die Spanier treffens auch mal am besten.

Wobei: Zecke ist in allen Sprachen ein anderes Wort für den Satan. In meinen Augen sind sie nicht valide. Ich anerkenne sie nicht. Ist ihnen wohl egal, schnorz, wurst.

Ich habe einmal einen Biologen gefragt. Wozu sind Zecken gut? Er hat mir das bei einem Gleseli Roten erörtert. C’est assez compliqué. Früher (ganz früher)((in den grauen, offenbar aber auch blutigen Vorzeiten)) haben Zecken wohl einmal zur Diversifizierung der Genanlagen beigetragen. Mag sein, dass der Genpool durch sie von Gegend zu Gegend geschleift und dabei eben diversifiziert wurde. Blut saugen, Eier legen, Blut saugen, Eier legen, wobei der Wirt immer ein anderer ist. Danke Zecken, well done. Aber Mohren, die Pflicht ist getan, ihr könnt gehen. Ihr seid für nichts mehr da.

Zecken sind nicht mal mehr Futter für schöne Vögel. Oder für hässliche. Mir wäre jeder schielende Geier recht.

Zecken sind noch Geldmaschinen für die Pharma. Satan feeds devil.

Ich habe es mit Frontline versucht.
Ich habe es mit Exspot versucht.
Es war mir nicht wohl dabei. Nervengift. Gift.
Ich habe es mit Bogacare versucht.
Ich habe es mit Scalibor versucht.
Es war mir nicht wohl dabei. Nervengift. Gift.

Ziehen Sie Ihrem Hund das Halsband ab, bevor er ins Wasser geht. Die Wirkstoffe von Scalibor sind toxisch für Fische und Bienen.

Neruda nimmt alle Medikamente, die ich ihm gebe. Manchmal versucht er, das in Käse oder Wurst verpackte Mittel im Versteckten zu entsorgen. Er lässt es aus der sanften, klugen Schnauze kullern. Natürlich sehe ich es, ich habe ja geschaut wie ein Häftlimacher, wie Argos.

Argos, der Hund von Odysseus – – – das ist eine andere Geschichte, die ich gerne erzählen würde. Die ich erzählen werde – – –

Ich würde von meinem Arzt NIE alles schlucken. Ich habe ein wenig Vertrauen in meinem Arzt. Das ist nicht dasselbe wie: Neruda hat Vertrauen in mich.

Neruda vertraut mir.

Das rührt mich – – – Das rührt mich wirklich.

Hundeschulprofiprofiprofis setzen ein Oberoberoberlehrergsichtli auf und sagen: Ihr müsst euren Hund mit einem REPELLENTEN Zeckenmittel behandeln. Dann geben sie noch Links zu Tierarztpraxen an, auf deren Sites schreckliche Krankheitsbilder beschrieben werden. Babesiose, Ehrlichiose, und natürlich Borreliose.

Als ich mich gegen FSE (Frühsommermeningoenzephalitis)((Liebe Erstklässler, bildet euch nichts ein, wenn ihr das fehlerfrei nachplappern könnt, es gibt kompliziertere Wörter. Zum Beispiel Paläolepidopterologe. Jetzt wisst ihrs noch, aber ich frage euch morgen nochmals, dann werden wir ja sehen)), als ich mich also gegen FSE impfen liess, reagierte ich auf die zweite Spritze mit einem Fieberschub.

Ich würde gerne wissen, was die REPELLENTEN Mittel in Neruda an- und herumschieben.

Repellar heisst auf spanisch «verputzen». Nicht einen Hamburger, sondern eine Wand. REPELLENT kommt aus dem Lateinischen. Und zwar nicht vom Verb repellare, wie Hundeschulprofiprofiprofis vielleicht meinen, sondern von repellere, betont auf dem zweiten e, was alles ändert. Jetzt wissen wir das auch noch, bravo. Die Spanier liegen wieder richtig. Durch den Putz sickert Wasser. Zerkrümelt den Putz, langsam, stetig.

Ich habe etwas gegen die Hundeschulprofiprofiprofis, weil sie nur noch Hundeschulprofiprofiprofis sind. Und wer nur noch Profiprofiprofi ist, ist keiner mehr. Davon später. Davon später mehr – – –

Die Zecken haben sich unter dem Scalibor-Halsband versteckt und festgebissen.

Das Engadin war bis vor zwei Jahren sicher: Alles über 1000 Meter war den Zecken zu hoch. Jetzt nicht mehr. Jetzt schleifen sie auch im Engadin den Genpool nicht mehr weiter.

Ich untersuche die Hunde nach dem Spaziergang. Drei vier Zecken pro Hund sind am Herumkrabbeln. Sie sind gar nicht so einfach in zwei Teile zu trennen. Da hast dus, du Teufel. Meistens schneide ich sie mit meinem Buck’s entzwei. Manchmal zappeln noch die Beinchen. Las patitas. Herzig.

Manchmal finde ich nur 2, 3, die sich festgebissen haben. Manchmal 10,12. Manchmal werden sie mit Spezialpinzetten ins Mortuarium gehebelt, manchmal von Hand. Die Vollgesogenen geben ein leises PLOPP von sich, wenn sie aus der Haut gezwirbelt werden. PLOPP machen sie auch, wenn man sie anzündet. Das Blut gerinnt, und dann reisst die Zeckenhaut, PLOPP. Selber schuld.

Ich mische jetzt ein Hausmittelchen. Letzten Samstag fuhr ich extra noch nach Murten, um Eukalyptus zu besorgen.

Naan-Öl.

Melisse, Salbei, Zitrone, Rosmarin, Pfefferminze – – –

Ich bin sogar versucht, an die Wirkung von esoterischen Halsbändern zu glauben. In meiner Verzweiflung – – – So weit haben mich die Zecken schon gebracht.

Zwei haben auch mich gebissen, oder fachlich korrekt (jaaa, liebe Hundeschulprofiprofiprofis, jaaaa): gestochen.

Ich weiss, dass das alles nur Tropfen sind auf den Zeckenstein.

REPELLENT.

Ich lege mich zu Neruda und zu Charly und untersuche die beiden Hunde. Sie halten die Ohren hin, heben die Beine, lassen sich auf den Rücken drehen. Sie schliessen die Augen halb. Schnaufen tief und ruhig. Fellpflege. Grooming. Mach nur, Du wirst schon wissen, was richtig ist.

Ich versuchs, Neruda, ich versuchs.

Ich bete zu den Göttern der Erzwespen.

Ich bete zum Wintergott.

Legt eure Götter-Eier in die Satans-Eier.

Lass es lange unter minus 20 Grad Celsius sein.

Mach La Brévine aus der Schweiz, Frau Holle. Das überleben die garrapatas nicht. Oder wenigstens nicht viele.

Neruda, ich werde Physiker und erfinde einen Impuls, der alle Zecken zum Verschwinden bringt. Das mache ich. Ich mache alles, damit es dir gut geht, wirklich alles. Wenn es dir gut geht, geht es mir auch gut – – –

– – – Ich «brauche» nur drei vier Menschen, zu denen ich den obigen Satz sagen kann, und dann geht es mir wirklich gut, ich meine: aufs ganze Leben bezogen.

Oder wie soll man sagen – – –

Die meisten brauchen da vermutlich mehr zum Glücklichsein.

Canide Bescheidenheit.

Ich habe schon eine Sitzung gehabt mit dem Gott der Erzwespen und mit dem Wintergott. Frau Holle nahm das Protokoll auf.

Es geht voran.


1 Biologische Fachinformationen zur Linné-isierung findet man hier: http://www.unet.univie.ac.at/~a7505973/de/zecken/system.html
Auch noch ein bisschen nützliche Informationen findet man hier:
http://www.zecken.ch
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Gründe, Hunde zu lieben (Liste, wird fortgesetzt)


Hab mal versucht, Hauke Brost («111 Gründe, Hunde zu lieben») auf mein menschliches Mass herabzuschreiben:

1. Seine Liebe kennt keine Ambivalenz. Sie ist konzentriert und klar wie ein japanischer Holzschnitt. No wischiwaschi.
2. Ohne ihn wäre ich ein schlechterer Mensch.
3. Ich kraule ihn. Er leckt mich ab. Keine weiteren Worte nötig.
4. Er ist die wirkungsvollste Droge, die nüchtern macht, hellsichtig.
5. Wenn ich an ihn denke, möchte ich etwas Gutes tun.
6. Er würde das Leben geben, einfach so. (Ich hoffe, ich auch.)
7. Seine Wünsche sind unendlich bescheiden.
8. Ich verdanke ihm die Gesundheit, die ich noch habe.
9. Seit ich ihn habe, war ich nie mehr krank.
10. Ich bin manchmal ausser Atem dank ihm.
11. Der «innere Schweinehund» hat nichts mehr mit dem Wetter zu tun.
12. Ich brauche keinen Therapeuten.
13. Mama und Papa sind glücklich, wenn sie ihn sehen.
14. Kinder mit Hunden sind anders als Kinder ohne Hunde.
15. Spazieren, wandern, grillen ohne Hund – dann fehlt etwas.
16. Niemand kennt mich so gut wie er.
17. Die Nachbarschaft kennt mich: Das ist der mit dem Hund.
18. Ich bin näher an den Säften des Lebens.
19. Er ist besser als jedes Sudoku.
20. Frauen kennenlernen geht einfacher (Frauen mit Hunden sind anders als Frauen ohne Hunde).
21. Er ist herrlich direkt (sexuell betrachtet).
22. Er ist der gewieftere Charmeur. Man kann ihn ruhig machen lassen.
23. Wagging tails outruns red roses.
24. Über «Manager» kann ich nur noch müde lächeln.
25. «Worüber Du nicht sprechen kannst, darüber sollst Du schweigen». Niemand weiss das besser.
26. Ich stehe gern auf am Morgen. Immer früher. Die Sonne geht auf.
27. Hotels, die Hunde zulassen, sind freundliche Hotels.
28. Mir ist nie langweilig.
29. Ich schwimme mit ihm in die aufgehende Sonne hinein, Richtung St. Petersinsel. Glück.
30. Er ist mein Freund. Nichts und niemand kann diese Freundschaft beenden, ausser, natürlich, der Tod.
31. Nein, auch der Tod nicht. Nichts und niemand.

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to retrieve

Am Samstag wollte er in den Brunnen. Der war aber schon von zwei Sinalcoflaschen besetzt. Stechend gelborange gifteten sie aus seinem Privatpool. Vorsichtig – wie man eine von einem Auto angefahrene Katze an den Strassenrand trägt – hievte er sie aus dem Wasser und trug sie «an Land», dann erst fläzte er sich in sein Bad.

Manchmal bringt er Äste. Wenn er Äste bringt, jagt er nicht. Äste sind dann seine Privatrehe – – – seine Ersatzfüchse – – –

Er brachte mir Tennisbälle von neben dem Tennisplatz. Die waren nicht mehr gelb, sondern abgeschossen, rissig, bräunlich. Als Brad Pitt einmal ein braunes T-Shirt trug, hatte er umgehend den Namen «Brad Shit» weg. So schnell geht das, unter Menschen – – – unter «Menschen». Wie bei Professor Unrat. Der seltsamste, merkwürdigste erste Weltliteratursatz: Da er Raat hiess, nannte ihn die ganze Stadt Unrat. Dabei müsste es heissen: Obwohl er undsoweiter. Früher hielten wir uns lange auf über solchen Sätzen. Eine Lektion lang, und es war uns nicht langweilig dabei, überhaupt nicht. Leider ist mir dieses Sich-Aufhalten geblieben. Die anderen waren smarter und haben das abgelegt, sie sind mir heute vor. Egal – – –

Ich halte mich lange mit Hunden auf. Lesen, beobachten. Beobachten, lesen. Und, und, und. Nicht egal – – – Die Prioritäten.

Er brachte mir Golfbälle von neben dem Golfplatz in Sils Maria. Etwas knirschte zwischen den Zähnen. Als ich nachschaute: Fore, ball in muzzle. Hole in one.

Er brachte mir aufgekringelte, verlotterte Arbeitshandschuhe. Ein zerzaustes Stoffhuhn. Es sah so aus, als hätte er es soeben erlegt. Nur das Blut fehlte – – –

Viele Nichthundebesitzer, auch viele Hundeabernichtretrieverbesitzer, ja selbst Retrieverbesitzer meinen, «Retriever» sei «Red River». «Retriever» kommt aber vom englischen «to retrieve», was soviel wie «zurückbringen», oder eben «apportieren» heisst.

Exkurs: Die Rassehunde werden von einer internationalen Vereinigung zu solchen gemacht: Die Fédération Cynologique Internationale (FCI) mit Sitz in Brüssel bestimmt, wer geadelt wird und wer nicht, wie Hunde aussehen und sich verhalten müssen, damit sie einer Rasse zugeteilt werden. Gemäss FCI gehört Neruda zur Klasse 8 (Wasser-, Stöber- und Apportierhunde (Sektion 1 : Apportierhunde).

Der FCI geht Schönheit («Schönheit»)((das ist ein weites Feld)) über Tierschutz. Die FCI lässt Qualzuchten zu. Das ist ein anderes Thema – – – Ende des Exkurses.

Die Retriever blieben bis anhin von Überzüchtungen (ich weiss nicht genau, was das ist) verschont.

I love Retrievers, es gibt Aufkleber fürs Auto.

Ich liebe die Klasse 8 Sektion 1.

Wirklich, mir geht das Herz auf und über, wenn ich Retriever sehe. Es gibt deren sechs: Labrador Retriever, Golden Retriever, Curlycoated Retriever, Chesapeake Bay Retriever, Nova Scotia Duck Tolling Retriever – und – – Flatcoated Retriever.

Ich wohne mit zwei Retrievern (einem Toller und einem Flat) – – – und es ist eines der Glücke in meinem Leben. Ich werde blöd sentimental, wenn ich Retriever – – – 

I got my bag, I got my reservation | Spent each dime I could afford | Like a child in wild anticipation | I long to hear that: «All aboard!» – – –

Ich habe ihm das Apportieren nicht richtig, nicht fachgerecht beigebracht. Ich wüsste zwar, wies gegangen wäre, wies gehen würde. Clicker, Belohnung, blablabla, hab Bücher zum Thema gelesen.

Er gibt nicht perfekt aus. Wenn ich darauf bestehe – – – meistens bestehe ich nicht darauf. Wüsste nicht wozu.

[Oh ich kann die eilfertigen Belehrungen der Besserwissendmeinenden vernehmen, sie schwappen grochs grochs an mein Ohr, danke für den Hinweis, danke für die Selbsterhebung, danke]

Ich übe das Retrieven mit ihm ein wenig, ab und an. Er könnte es locker. Peace of cake.

Am Morgen bringt er oft ein Spielzeug. Am Mittag bringt er oft ein Spielzeug. Am Abend bringt er oft ein Spielzeug. Er hält es in seiner weichen Schnauze, weich, und zeigt es mir, dazu wedelt er begeistert, überschwenglich – – – Fächelwind im heissen Sommer. Gelt, wir sind Spielkameraden, gelt wir sind Kameraden! Gelt, wir haben einen tollen, wunderschönen, innigen Tag zusammen!

Es ist nicht mehr der Gehorsam, es ist nicht der «will to please», die Eigenschaft, die Retriever so auszeichnet. Es ist mehr. Ausserhalb der Worte – – –

Gelt wir sind Freunde?

Ja, das sind wir.
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The truth which dogs can teach you

Man kann auf verschiedene Arten zur eigenen inneren Wahrheit gelangen – – – 

Die eigene innere Wahrheit ist ein Begriff, den ich bei Jörg Steiner gefunden habe.

Ich glaube, es stand im «Netz zerreissen». Es stand dort, steht jetzt da, ich prüfe nicht nach, ob es tatsächlich so ist, es ist so, es ist meine eigene innere Wahrheit.

Es gibt Pilzsucher, Imker, Gärtner, die über oder via Pilze, Bienen, Gärten Einsichten gewinnen und so mit dem Leben zurande kommen.

Zurande kommen – – –

Man kann sicher auch über seinen Hund zu einer eigenen inneren Wahrheit gelangen. Ganz bestimmt kann man das – –  –

Einmal hatten wir eine grosse Wanderung unternommen. Ich war in den Jura gefahren, bei Saignelégier waren wir hochgestiegen. Die Bäume trugen bereits Herbstfarben, rot und gelb und orange. Ich suchte nach Pilzen. Neruda stöberte und rannte scheinbar kreuz und scheinbar quer. Nach seiner eigenen inneren Ordnung. Ich hatte ihn gefilmt mit der einfachen, digitalen Kompaktkamera. Auf dem Filmchen war zu sehen, wie er stöberte und rannte. Man hörte den Wind in den Bäumen rascheln, das Geräusch seiner Pfoten im Laub, meinen Atem. Sonst nichts. Oben auf dem Hügel waren wir beide müde. Ich hatte keine Pilze gefunden. Wir legten uns in das knisternde, goldene Laub, unter den in der Sonne wie glühenden Waldbaldachinen, und wir schnauften beide tief und fest und ruhten uns aus. Er schaute zu, wie ich schnaufte, und ich schaute zu, wie er schnaufte.

Irgendetwas war. Ich hätte nicht zu sagen vermocht, was. Ich war sehr glücklich.

Manchmal möchte ich mehr wissen über Hunde, im Sinne einer fundierten Ausbildung. Dann wieder nicht.

Es geht um Wahrheit.

Ach: Zu Hundeschulen gäbe es viel zu sagen. Nicht jetzt – – –

Als wir heimfuhren, legte er seinen Kopf auf meine Hand. Er liess ihn dort, bis wir daheim ankamen, durch den ganzen Jura hindurch und durch Biel und durch Nidau hindurch. Ich bewegte die Hand so wenig wie er seine Schnauze.

Alles schien leicht – – – Alles war leicht – – –

Die Worte, die Worte – – – Sie hielten sich ruhig, versteckt, bedeckt, hatten sich verschämt zurückgezogen. In ihre Bunker.

Heute fiel mir ein: Seit ich mit ihm lebe, sind die Forsythien im Frühling gelber als vorher. Sie sind richtig richtig gelb.
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Der dritte – Neruda. Neruda. Neruda. Qilolo.

Mit der Zeit fielen mir Namen, Verballhornungen, Verballhirnungen, Kosereien, Kussereien ein.

Neruda. Nerüdeli. Nüdeli. Nudelino. Nudi. Nu dell Ino.

Nudelötteli. Lötteli.

Nudoggelidaggeli.

Neruda, was machsch denn Duda?

Tiger Nudooda (er fand Golfbälle und brachte sie mir).

Good boy.

Nerudem, Nerudom, todo bem, todo bem?

Ich las, was Patricia B. McConnell über «die Kunst, einem Hund einen Namen zu geben» geschrieben hat.1

Ich nahm mir vor, ein Buch über ihn zu schreiben. Vielleicht eine Erinnerung. Dann dachte ich: Wieso eine Erinnerung? Wieso nicht sich erinnern, bevor die Erinnerung einsetzt?

Das ist der Beginn.

Der chilenische Nobelpreisträger für Literatur, Pablo Neruda – er hat den «Canto General» geschrieben, ein nobles Langgedicht über die Geschichte der Unterdrückung in Südamerika, ein edles Pamphlet gegen die Satrapen, gegen die er sich auch im wirklichen Leben mutig gewendet hat.

Genug Grund, deinen Hund so zu nennen.

«Neruda» ist ein Pseudonym. Ein Dichtertarnname. Pablo N. hatte ihn von Jan N., einem tschechischen Lyriker. Deshalb sollte das Buch Neruda. Neruda. Neruda. Qilolo. heissen. «Deshalb» ist falsch. Was an «deshalb» anschliesst, ist keine Folgerung, deshalb ist deshalb hier eigentlich fehl am Platz. Ich lasse es aber stehen. Wieso Qilolo? Davon später. Qilolo könnte eine chilenische Fussballmannschaft sein. Der Name einer kordillerischen Papageienart. Oder ein subalterner Mayagott.

Neruda, du Tiger mit ausschliesslich schwarzen Streifen.

Neruda, black Shir Khan – – –

Neruda, good boy, qilolo.

Neruda, mach Regen.

1 McCONNELL, Patricia B.: Ein Hund namens Hund. In: Trafen sich zwei. Betrachtungen über Menschen und Hunde. 2009 Nerdlen /Daun (Kynos Verlag). [Engl.: Tales of two species. Essays on loving and living with dogs. Dogwise Publishing, USA]. Ss. 14ff.
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Der zweite – Wengen

Er schaute sich in der Wohnung um. Hier, also hier. Dabei wusste er noch gar nicht, dass es nicht das endgültige «hier, also hier» sein sollte. Ich schlief in der Küche mit ihm.

«Wenn es dunkel wird, sind Welpen, auch objektiv betrachtet – soweit möglich – in Gefahr. Eher in Gefahr als tagsüber». Erste Sätze aus einer neuen, nun ja: Wissenschaft. Kynologisches Raunen. Das atavistische Ritual befiehlt: Geh zu Mama und Papa, wenn die Füchse zur Jagd aufbrechen – dort ist es sicher. Während die Füchse schnürten, rappelte er zu mir. Dieser da – – – gleicht zwar weder Daddy und vor allem noch Mama, aber er ist gross, und bis jetzt hat er mir nichts getan. – – – Vielleicht – – – Und schon war er weg, eingesunken in das aufgehügelte Laken. Ich stellte den Wecker und trug ihn alle 2 Stunden hinaus auf den Balkon, wo ich aus Brennholz (Wände und Türen) und Altpapier (Bidet) ein WC gebastelt hatte. Es hatte Schnee, er fing an zu schlottern. Manchmal löste er sich. Manchmal nicht. «Nach dem Spielen, Fressen, Schlafen wollen sich Welpen lösen, nehmen Sie ihn mit auf den Arm, gehen Sie mit ihm hinaus, und stellen Sie ihn nicht auf den Boden, wenn Sie die Tür öffnen, es könnte bereits zu spät sein.»

Er hielt sich nicht an das überlieferte Wissen. Er löste sich kaum je nach dem Spielen, Fressen, Schlafen. Entweder war das überlieferte Wissen falsch, dachte ich, oder mein Hund ist kein normaler Hund. Normaler Hund, das Wort blieb hängen.

Er hatte Giardien, im Zwinger bereits. Giardia canis, Darmparasiten, die sich mit ihren Geisseln fortbewegen und nicht nur das: Sie sind auch solche. Sie setzen sich in der Darmschleimhaut fest und vermehren sich millionenfach, Myriaden von Giardien – – –Das war der Beginn einer langen, langen Leidensgeschichte, auch für mich, natürlich und vor allem aber für ihn.

Zoonose, wieder ein Begriff. Noch nie habe ich mich vor Körperausscheidungen so wenig, so überhaupt nicht beeindrucken lassen wie bei ihm.

In der Nacht leuchteten jeweils die Elektrogeräte, summten die Haushaltgeräte im Standby-Modus. Im dünnen, rötlichen Licht sah man die Schatten der Schneeflocken, die draussen niederrauschten, grau und schwarz flockten sie vorbei. Ich lauschte, ob ich sein Atmen hörte, in die Nacht hinaus, und da war es, schnell und nervös zog er die Luft ein und stiess sie wieder aus, während das Bäuchlein mit den knappen flaumigen Härchen rasch pumpte, auf und ab, ein und aus. Darein mischte sich das leise Murmeln der herabrauschenden Schneeflocken, ihr kaum vernehmliches Ploppen, wenn sie auf dem Boden aufschlugen. Er atmete, ich hörte ihm dabei zu – – – das Leben würde nie mehr so sein, wie es gewesen war – – –
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Der erste – Auenstein, Brünig

Wie er da im Welpenkurs so auf mich zuhoppelte, mit flatternden Lampiohren, als gäbe es nichts und niemanden zwischen ihm und mir, das oder der ihn hätte aufhalten oder vom eingeschlagenen Weg abbringen können, da ploppte mein Herz heftig auf – – – es war so heftig, dass es mir einen Stich gab in die Brustgegend. Die honigschwer aufzuckernde, aufwallende Liebe – – – Das Stechen ist bis heute geblieben – – –

Als er das erste Mal auf meinen Armen lag, schlotterte er erbärmlich, es war kalt gewesen in den Wäldern um Auenstein, und ich war ein Fremder. «Sie dürfen ihn nicht trösten, wenn Sie – hoffentlich – unabsichtlich auf einen Welpen treten – und die Möglichkeit ist bei 11 Stück immer gegeben», hatte die Tochter gesagt. «Gehen Sie einfach weiter, als wäre nichts gewesen». Ja jetzt aber.

Beim Fressen stand er immer verkehrt herum zum Napf. Während 10 Welpen das Welpenfutter herunterdroschen, schaute er zu den Schloten der Zementfabrik «Jura», die sich grobkörnig noch gerade knapp aus der Winterdiesigkeit schälte. Der Züchter hob ihn auf, drehte ihn um 180 Grad, hin zum Wichtigeren. Dann frass er auch, nicht anders als seine Geschwister.

Ich wusste noch nicht viel von Hunden. Die Erfahrung mit dem Dackel in einem Haushalt, in dem ich einmal gewohnt hatte, rechnete ich mir kaum und sicher nicht hoch an. Wochen vor dem, so heisst das, Abgabetermin, hatte ich mich so glühend gefreut, dass ich kaum mehr schlafen konnte. Ich hatte mir vorgestellt, wie er neben mir schläft, läuft, springt, und dann konnte ich das Platzen nur noch knapp – – - verhindern.

Er fuhr die Strecke über das verregnete Luzern und den düster verhangenen Brünig ohne Fiepen, ohne Kotzen auch, klaglos mit, hin- und hergebuttelt in den Spitzkehren. Er war müde, ja: hundemüde, und schutzlos ausgeliefert. Auf der Passhöhe grüppelte er hin und löste sich, dann dämmerte er wieder weg.

Die kleine Leine und der Futtersack, das Spielzeug – – – alles da. Die Mutter nicht mehr, die Geschwister auch nicht. Der schwere Gang zu den Menschen – – – Abnabelung im Winter – – – an den Strassenrändern lag Schnee, der Lungernsee war bestimmt eiskalt. Langsam erloschen die Konturen, die Nacht vergröberte die Silhouetten, bis nur noch ein achtlos hingeworfenes Mosaik aus Grisailles da war, durch das das Auto seinen Weg bahnte. Die Heizung lief – – – nichts Bekanntes mehr da für ihn. Nur ich noch.

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