Ligugegl Teil I

(Line isch guet u git e gueti Luun)

Leinendiskussionen – – – allein das Wort, und schon bin ich müde. Es ist zerkaut, ausgelatscht, lutschmatsch. Aber ich habe – – – ich habe angefangen, also:

Leinendiskussionen werden ruckzuck pädagogisch. Wobei die Vertreter des purreinen Leinendogmas a) in der massiv überwiegenden Mehrzahl sind und b) sich in der Position des Lehrers (manchmal des Rektors, oder des Generals) wähnen. Leine und Schulmeisterei, das sind Schwestern. Oder sagen wir, damit es nicht so ruckzuck tönt: Leine und Erziehung, das sind Nichten, oder Tanten.

«Die Hündin könnte läufig sein.»
«Der Jogger könnte Angst haben.»
«Bei Kindern, jahaa, da weiss man sowieso nie.»
«Der Hund könnte verletzt sein.»

So mache ich innerlich sitzundplatz und rufe brav meinen Hund, resp. meine Hunde. Was in den allerallermeisten Fällen, obwohl Duo, gelingt. Meistens besser als bei der Person, die den Hund, obwohl sie ihn schon an der Leine hat, fast nicht an diese bekommt.

Es gelingt mir auch in 9,7 von 10 Fällen, meinen freilaufenden Flatcoated (Jagdhund, nicht, FCI Gruppe 8, Sektion 1, Standard 121, nur so zur Erinnerung) von freilaufenden Rehen zurückzurufen. In den 0,3 restlichen Fällen ist der Flädi statt 0 bis 8 Sekunden dann 20 bis 30 Sekunden mal weg.

Um das zu erreichen, habe ich zwei Bücher gelesen, in denen es um die Einsamkeit des Hundehalters am Waldrand geht, und die Ratschläge befolgt. Ich habe trainiert. Ich bin mehrmals in den Tierpark Biel-Bözingen gegangen, wo man das eben noch trainieren darf (ein Kränzlein dem Tierpark!), und habe meine Zeiten vor dem Rehgehege verbracht, mit Clicker und Jackpots und Schleppleine. Grad nächste Woche werde ich wieder in den Tierpark gehen, der noch kleine Appenzellersenn Joschi, der noch nicht jagt, soll schliesslich even not thinken about. Der Weg aus dem Kanton Freiburg nach Biel ist mir nicht zu lang dafür. Die Hundehalter mit Hunden, denen die Leine 24/7/365 um den Hals gewachsen ist, sind meistens nicht dazu in der Lage, ihre Hunde von Wild zurückzurufen. «Wissen Sie, meiner jagt.» Soso. Schräger Hund. Das Jagdumorientierungstraining haben diese Hundehalter so stark aufgegeben, dass sie nicht einmal damit angefangen haben.

Da hätten wir schon einmal einen der zentralen Gründe, wieso Hunde an der Leine gehalten werden: He’s chasing the rabbit!

[Ich gebe es zu: Bei Meister Reineke bin ich noch nicht so erfolgreich. Hab ein paar Dinge darüber gelesen, Intragildenaggression und so Sachen. Mich tröstet, dass auch Neruda erfolglos bleibt: Die Füchse sind einfach zu schlau. Das hat auch Neruda gemerkt, noch ein Jahr, und er lässt auch die Füchse ebensolche sein, wetten?].

Wenn er zurückkommt – – – dann rauscht das Oxytocin, und ich deklariere ihm meine Liebe, mit ungelenken Worten und Gesten, während er gekonnt wedelt, mit offenem Fang. Neruda lacht so herzerwärmend – – – schön, und mitreissend.

Anekdote 1
22,5 Meter vor uns (2 Hunde, 1 Sklave) gehen andere (3 Hunde, 1 Herrin), alle 7 unangeleint, hüpf hier, hüpf dort, tandaradei. Meine zwei gehen zu ihren 3. Das Wort, das hier nach meiner Meinung passt, heisst «logo». Die Herrin schnauzt mich an: Appelez vos chiens! Ich zische zurück: Pourquoi pas à l’envers, appelez vos chiens? Sie schaut mich an wie einen Extraterrestrischen. Meine habe ich dann rasch (Jagdpfeife vom Retrieverclub, gestimmt auf 211,5) bei mir, sie ihre nicht, die hüpfen fröhlich weiter, tandaradei. Das Wort, das hier nach meiner Meinung passt, heisst –, nein besser nicht. Fisimatententante. Jetzt ists doch noch jemandem rausgerutscht.

Die Verletzungen und Läufigkeiten erweisen sich dann in den allermeisten Fällen als Gerüpel an der Leine. Schon von weitem sieht man wegen der «Verletzung» oder der «Läufigkeit» Nervosität und Hektik ausbrechen, die man mit Coolness, die aus einem Hut gezaubert wird, der gar nicht auf dem Kopf sitzt, mehr schlecht als recht zu übertünchen versucht. So, tue nid so tumm jetz, probieren sie wie ein Yogalehrer zu sagen, während der Blutdruck in unindische Höhen schiesst und sie den Fletschi an Neruda vorbeireissen, der mich manchmal anschaut, als wollte er sagen: Wo hat der denn Bobo?

Da hätten wir dann einen weiteren der zentralen Gründe, wieso Hunde an der Leine gehalten werden: He’s a little monster!

Nein, ich spreche nicht von der Stadt, von Bahnhöfen und Einkaufszentren.
Nein, ich spreche nicht von Kindergärten und Friedhöfen.
Nicht von Badewiesen, Chüngeliställen, der SBB, Restaurants, Läden, Bushaltestellen, Sportplätzen, Grillplätzen, Hornusserfeldern, Forsthäusern, Openairkonzerten, Bootsanlegestellen, Downhillpisten, Skipisten, Langlaufloipen, Trottoirs, Fussballplätzen etcetera undsoweiter undsofort – all die Orte, die der Homo hominilupus besetzt hält und an denen Hunde immer weniger bis nicht mehr erwünscht sind. [Der Homo hominilupus will unter sich sein, wenn er die Sau rauslässt, er will niemanden und keinen in der Nähe haben, der ihn beim Saurauslassen stören könnte]

Ich spreche von den wenigen Plätzen, an denen Hunde noch frei laufen können. Ich spreche von dem immer weniger werdenden Plätzen, an denen die Hunde noch frei laufen könnten. Es werden Strassen gebaut, Häuser, es werden Zäune gezogen, Verbotstafeln hingestellt.

Es werden Bussen verteilt.
Es werden Köder ausgelegt – – –

Anekdote 2
Jogger und Hunde – der Friedensnobelpreis ist das letzte, woran man bei dieser Kombination denkt. Ein Jogger kommt herangerauscht, bei der Porte de l’Est, römischen Stadtmauern-Überresten bei Avenches/Aventicum. Einer von der schnellen, ganz schnellen Sorte. Einer von denen, die nicht ab und zu am Abend mal herumhötterlen. Es reicht grad knapp, Neruda zu mir zu rufen. Lassen Sie ihn doch, er soll nur frei laufen, ich habe keine Angst vor Hunden, ruft mir der Jogger zu. Ich bin platt. Flunderflach. You made my day, es reicht noch grad knapp für ein Dankeschön schönen Abend noch. Der Jogger winkt sogar freundlich zurück. Später denke ich: Wie weit sind wir gekommen, dass mir so etwas den Tag rettet?

Ich bin froh, «auf dem Land» zu leben. Man sieht «es» noch nicht so eng hier. Noch nicht so leineneng. Aber die Reglementierungen und die Überzeugung «Zur-Seite-hier-komme-ich-ich-ich-alle-weg-los-los-los» kriechen unaufhaltsam vorwärts. Ich weiss wirklich nicht, ob ich in der Stadt noch einen Hund halten möchte.

Gegenüber Leinenfraktionisten komme ich mir manchmal vor wie ein Hund mit einem Elektrohalsband. Ich weiss nie, wann der andere drückt und es mir einen putzt. Ich werde jetzt dann grad bestraft, und weiss nicht wirklich, wofür. So tappe ich vorsichtig, mit geduckten Schultern, durch die Welt, die mir unfreundlich erscheint. Der Prolog aus John Bradshaws Buch «In defence of dogs» kommt mir in den Sinn. Hunde, die streunen, die frei laufen – paradise lost. Vermutlich sagt das mehr aus über die Welt, in der wir leben, als wir denken. Hunde sind Lackmuspapiere der Gesellschaft. Die Leine ist ein Lackmuspapier – – –

Man erzählt mir von einem, der in den Wäldern und Landschaften um Salavaux mit seinem Hund spazieren geht und allen an den wohlgemeinten Karren fährt, die ihren Hund an der Leine führen. Was fällt Ihnen ein, den Hund an der Leine zu führen, lassen Sie in gefälligst los, soll er die Leute anschnauzen. Plötzlich tönts aus den Wäldern zurück, wie in sie hereingerufen wurde. Unangenehm, gell. Die Geschichte gefällt mir. Dem Mann möchte ich mal begegnen – – –

PS: Nein, der Mann bin nicht ich.
PS2: Man hat mir erzählt, dass sein Hund einen perfekten Appell hat. Nicht wie ein Obedience-Weltmeister – sondern eben perfekt. Er trollt sich einszwei zurück. Wie ein Hund, nicht wie ein Rekrut.

***Fortsetzung folgt***
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