Sich durchhangeln

Two «Die Bücher auf dem Nachttisch»

«Die Bücher auf dem Nachttisch» – der Begriff hinkt. Er ist zu klein (der Nachttisch, nicht der Begriff).

Heute mit Amazon angekommen:
4 Akif-Pirinçci-Krimis aus dem «Felidae-Zyklus» (Cave Canem/Francis/Das Duell/Felidae), dann noch Jan Grossarth, «Vom Aussteigen und Ankommen – Besuche bei Menschen, die ein einfaches Leben wagen», nebst der CD «ZAZ» von Zaz.

Ich sollte «Natural Cat Food» lesen. Sie kommt ja bald ins Haus. Die Cat.

Shakespeare von Senser. Florida-Räume von Cotten. Gehirn und Gedicht von Schrott/Jacobs (ein Drittel gelesen).
Die kommen alle ans Poesiefest im Oktober.

Kurkow, Schischkin, Rabinowich, Nádas und Dalos kommen schon im September. Zum Thema («zum Thema» – sowas) liegt da auch Sabuschenko, und «Sarmatische Landschaften» von Pollack.

Im November kommt der irakische Autor Najem Wali, Engel des Südens.

Im Februar 2012 Kristof Magnusson.

Sarah Palin hab ich bis zum ersten Fünftel geschafft. Goin’ to rogue went to rogue then. Hoffe, Michele Bachman schreibe nicht auch noch ein Buch. Dafür hat Palin schon ein zweites. Von dem ich annehme, es stünden noch mehr Sätze wie im ersten drin. Flag, familiy, freedom. So Zeugs eben.

Rilke bin ich auch dran, Malte Laurids Brigge. Komme schier nicht vom Fleck. Fier nicht vom Schleck.

«In defence of dogs» von John Bradshaw könnte auch «In defence of humans» heissen. Um dieses Buch will ich nicht herumkommen. «Feeling outnumbered – How to manage and enjoy your multi-dog household» von McConnell & London kürzlich beendet, «Hunde – Evolution, Kognition und Verhalten» von Miklósi bereits auf Seite 39, und schon viel gelernt. And that’s it for the dogs, jetzt grad.

Manchmal schaue ich in ein Pilzbuch. Oder in Sibylle Merian. Weil ich einfach keine Luft mehr kriege. Literaturschrapnell um Literaturschrapnell kracht in mein Zielgebiet. Dann schaue ich Papageiensaftlinge an und Rettichhelmlinge, oder Chrysalis und Metamorphosis Insectorum Surinamensium. Oder gebe in Google Images «Russian River» ein, und schaue auf die Nebelbänke und Mäander. Die Schindeldächer, den Versammlungsort des Rotary Clubs Gualala / Sea Ranch.

Dann ist der Nachttisch ein Nachttisch. Nicht zu klein. Einfach ein Nachttisch.

Am 15. schrieb ich: «Am Russian River ist es jetzt Nacht. Wo sind die Kolibris in der Nacht? Es zieht Nebel auf, in Schwaden legt er sich auf die Kiesbänke. Es ist nicht der leimige Nebel. Es ist der filigrane, japanische Zenklosternebel. Die ersten Rehe tauchen ihren Äser ins Wasser. Die Wölfe knacken mit den Gelenken. Auf gehts. Die Reiter haben das Nachtlager aufgeschlagen und legen bereits ein Scheit nach. Sie trinken Kaffee. Die Wölfe tauchen lautlos in den Wald, in Einerkolonne huschen sie Richtung Fluss.»

Und gestern: «Und … will ich sehen, die Orangisierung, das Durchgelben der Wälder in Vermont, die riesigen Birkenwälder Colorados, aus denen Feuerlilien so glühend heraussprenkeln, dass man nicht mehr auf die Idee kommt, an Literatur zu denken. Man ist einfach umgehauen, und dabei bleibts.»


Und dann noch: «Es gibt viele Romane, in denen die Schriftsteller darüber schreiben, wie das Leben wegen der Literatur abhanden gekommen ist.
Ich kenne keinen Roman, in dem ein Schriftsteller darüber schreibt, wie die Literatur wegen des Lebens abhanden gekommen ist.»


Doch, einen kenne ich.

Er liegt, ausser auf meinem, auf keinem Nachttisch.

Soviel Platz lasse ich immer.



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One – Carte Blanche

Gestern «Einführung» zu einer Ausstellung unter dem Titel «Carte Blanche» gehalten.

Es war eine Überrumpelung. Ich wurde angefragt. Ich war naiv und hab zugesagt.

Den Text schreiben, den eigenen Ansprüchen genügen und sich kein Publikum vorstellen, dem man zu gefallen hat.

In ein Mikrofon gesprochen, das keinen Ständer hatte, musste das Mik in der Hand halten und hatte dann mit den zwei Blättern zu kämpfen.

Das war das letzte Mal, schwor ich mir, nach 50 ist Schluss, keine Reden in der Kirche mehr, keine Eröffnungsfeieruntermalungen, keine Vereinshuberreden, keine Jubiläumsspeeches mehr.

Das Glitzern der Sprache – – –

Rhetorisches Rasseln – – –

Mentales Schulterklopfen: Wir gehören alle dazu, nicht wahr. Ganz unter uns.

Schon bald werde ich ungeniessbar werden.

Die Einführung:

*****
I like resistance, you know.

Atomkraftwerke haben eine Carte Blanche, Beduinendiktatoren haben eine Carte Blanche, und jetzt habe ich auch eine.

I like resistance, you know.

Was tut einer wie ich, der, wie man so sagt, in der Literatur zuhause ist und weniger in der Kunst, wenn er über Kunst sprechen soll-darf-muss-kann?

Aber klar, er versucht tunlichst, beiden auszuweichen, der Literatur und der Kunst, solange er nur kann. Der Versuch ist absehbar, das geht erfahrungsgemäss immer schief – – – was nicht gegen den Versuch spricht.

Als Joan Baez 1969 in Woodstock auftrat – Kinder, Kinder, ist das schon so lange her? –, sang sie ein Lied für den damaligen Governor von Kalifornien, und sie schrieb ihm den Satz zu «He don’t like resistance I know». Und sie ergänzte, sie traue diesem Mann zu, dass er eines Tages Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte, wofür man sie postwendend heftig auslachte. Was, der? Hirngespinste! Die hat zuviel gekifft, eindeutig! Der Governor von Kalifornien hiess damals Ronald Reagan.

I like resistance, you know.

Was ich damit sagen will, und schon jetzt komme ich um den Begriff nicht mehr ganz herum: Die Kunst von Joan Baez bestand darin, vorwegzunehmen. Ihre Phantasie reichte aus, sich auszumalen, was unvorstellbar schien. «Sich auszumalen» – da waren sie wieder, diese der Kunst entlehnten Wörter, die manchmal in den Alltag hinüberglitschen.

Es ist eine der Aufgaben der Kunst, vorwegzunehmen.
Es ist eine der Aufgaben der Kunst, auszumalen.

I like resistance, you know. So sehr like ich resistance, dass ich so sicher daherkommende Sätze wie «Es ist eine der Aufgaben der Kunst» undsoweiter misstraue.

Wenn ich den sicheren Sätzen nicht misstrauen würde, wäre ich einer, der resistance nicht likt, you know. Aber wie gesagt: I like resistance, you know.

Vom Samstag auf den Sonntag träumte ich von einem Schneehaus. Zuerst hatte ich den Satz im Traumohr, I had a farm in Africa. Wobei ich mir nicht ganz sicher war, ob es im Traum nicht hiess, I had a farm in America. Ich habe den «c» von America deutlich gesehen. Dann schneite es, aus dem Satz heraus, ein Schneehaus hin, es war kein Schneehaus wie die Iglus, welche wir von den Eben-nicht-Eskimos-sondern-politisch-korrekt-Inuits her kennen, und jetzt auch von den Tourismusvereinen im Graubünden und im Berner Oberland, die für aussergewöhnlich mutige Touristen Iglus bauen und sie für den Mut, dort zu übernachten, teuer bezahlen lassen. Es war ein filigranes Gebilde ganz aus Pulverschnee, eine hingehauchte Villa, und dann streunten die Löwen aus dem Film «out of Africa» um das Schneehaus, und ich fragte mich im Traum allen Ernstes, ob die Löwen nicht kalt hätten, und schon waren die Löwen Bären, die kurz aus dem Winterschlaf aufgewacht waren und im Halbschlaf an mir ganz Schlafendem vorbei tappten, mit eingetrocknetem Blaubeersaft an der Schnauze und ein paar Lachsschuppen an den riesigen Tatzen.

I like resistance you know.

Es ist eine der Aufgaben der Kunst, dafür zu sorgen, dass unsere Träume nicht kolonisiert werden, dass aus unseren Träumen nicht ein Afrika wird, in das Stanleys und Livingstones einsickern.

Die Kunst erlaubt es, in America Löwen heimisch werden zu lassen. Und sie hat nichts dagegen, wenn man resistance likt. Im Gegenteil.

Die Kunst erlaubt es sich zu behaupten, die Milch sei schwarz, das Wasser trocken und in der Nacht seien alle Katzen gelb. Das Verfahren, dessen sich die Kunst hier bedient, hat sogar einen wissenschaftlichen Namen: Man nennt diese rhetorische Figur «Oxymoron». Ein wunderschöner Name für eine wunderbare Sache. Und die Sache geht über die rhetorische Figur und die Wissenschaft weit hinaus.

Wenn die Milch nur weiss ist, das Wasser nur nass und die Katzen in der Nacht nur grau, dann sind auch Atomkraftwerke sicher und Beduinendiktatoren freundlich. Und wenn man nur noch so spricht, abgekartet, mehrheitsfähig, likt man irgendeinmal resistance nicht mehr.

Es ist, das verteidige ich bis zum letzten, die vermutlich nobelste Aufgabe der Kunst, einen Abstand zu diesem Sprechen und zu dieser Übereinkunft zu markieren und zu halten.

Wenn die Brooklyn Bridge nur die Brooklyn Bridge wäre, die man von tausenden von Fotos her kennt, wäre sie nicht mehr meine Brooklyn Bridge. Meine Brooklyn Bridge ist auch ein Mandala. Das ist die Carte Blanche der Kunst.

Und das ist jetzt die Carte Blanche der Literatur, Doppelpunkt:

Ich stand sehr früh auf, die Füchse schnürten noch, und die Vögel zwitscherten noch nicht. Ich sattelte das Pferd und ritt los, und den Hund nahm ich mit. Es war noch dunkel, the moon leuchtete jetzt wohl over Hernandez, aber ich ritt ja hier dem Russian River entlang Richtung Fort Bragg. Um Mendocino würde ich einen Bogen schlagen, am Mittag würde ich im Bärenland sein und Kartoffeln im Feuer rösten, und ich würde ein Auge auf dem Hund haben, der die Bären vor mir wittern würde. Es war neblig, als ich losritt, heute würden bis Mittag keine Kolibris an den Sirupdispensern, die man bei WalMart kaufen kann, schwirlen. Ich hatte, ausser nicht nach Mendocino hineinzureiten, kein Ziel. Ich wollte einfach reiten und mit dem Hund sein. Am Abend werde ich ein Miller’s oder ein TresX öffnen, das Bier in kleinen Schlucken trinken und weder an Literatur noch an Kunst denken. Das wird ein sehr schöner Abend.

I like resistance you know.

*****

Danach trank ich noch ein Glas Wein.

Mir fiel nichts ein zu sprechen.

Danach ging ich nach Hause.

Ich freute mich indeed auf einen Abend ohne Literatur und ohne Kunst.

Ein Freund kam vorbei mit seinem Hund. Der Freund hatte Geburtstag. Wir tranken einen Wein, und einen Caol Ila. Das Getränk räuchelte wie ein schwelendes Moor, und die Hunde lagen um uns herum, nahe. Ich dachte bereits nicht mehr an die Ausstellung und kraulte die Hunde hinter den Ohren, sie haben das gern.

Über dem Russian River bildete sich währenddessen leichter Nebel.
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