Gründe, Hunde zu lieben (Liste, wird fortgesetzt)


Hab mal versucht, Hauke Brost («111 Gründe, Hunde zu lieben») auf mein menschliches Mass herabzuschreiben:

1. Seine Liebe kennt keine Ambivalenz. Sie ist konzentriert und klar wie ein japanischer Holzschnitt. No wischiwaschi.
2. Ohne ihn wäre ich ein schlechterer Mensch.
3. Ich kraule ihn. Er leckt mich ab. Keine weiteren Worte nötig.
4. Er ist die wirkungsvollste Droge, die nüchtern macht, hellsichtig.
5. Wenn ich an ihn denke, möchte ich etwas Gutes tun.
6. Er würde das Leben geben, einfach so. (Ich hoffe, ich auch.)
7. Seine Wünsche sind unendlich bescheiden.
8. Ich verdanke ihm die Gesundheit, die ich noch habe.
9. Seit ich ihn habe, war ich nie mehr krank.
10. Ich bin manchmal ausser Atem dank ihm.
11. Der «innere Schweinehund» hat nichts mehr mit dem Wetter zu tun.
12. Ich brauche keinen Therapeuten.
13. Mama und Papa sind glücklich, wenn sie ihn sehen.
14. Kinder mit Hunden sind anders als Kinder ohne Hunde.
15. Spazieren, wandern, grillen ohne Hund – dann fehlt etwas.
16. Niemand kennt mich so gut wie er.
17. Die Nachbarschaft kennt mich: Das ist der mit dem Hund.
18. Ich bin näher an den Säften des Lebens.
19. Er ist besser als jedes Sudoku.
20. Frauen kennenlernen geht einfacher (Frauen mit Hunden sind anders als Frauen ohne Hunde).
21. Er ist herrlich direkt (sexuell betrachtet).
22. Er ist der gewieftere Charmeur. Man kann ihn ruhig machen lassen.
23. Wagging tails outruns red roses.
24. Über «Manager» kann ich nur noch müde lächeln.
25. «Worüber Du nicht sprechen kannst, darüber sollst Du schweigen». Niemand weiss das besser.
26. Ich stehe gern auf am Morgen. Immer früher. Die Sonne geht auf.
27. Hotels, die Hunde zulassen, sind freundliche Hotels.
28. Mir ist nie langweilig.
29. Ich schwimme mit ihm in die aufgehende Sonne hinein, Richtung St. Petersinsel. Glück.
30. Er ist mein Freund. Nichts und niemand kann diese Freundschaft beenden, ausser, natürlich, der Tod.
31. Nein, auch der Tod nicht. Nichts und niemand.

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to retrieve

Am Samstag wollte er in den Brunnen. Der war aber schon von zwei Sinalcoflaschen besetzt. Stechend gelborange gifteten sie aus seinem Privatpool. Vorsichtig – wie man eine von einem Auto angefahrene Katze an den Strassenrand trägt – hievte er sie aus dem Wasser und trug sie «an Land», dann erst fläzte er sich in sein Bad.

Manchmal bringt er Äste. Wenn er Äste bringt, jagt er nicht. Äste sind dann seine Privatrehe – – – seine Ersatzfüchse – – –

Er brachte mir Tennisbälle von neben dem Tennisplatz. Die waren nicht mehr gelb, sondern abgeschossen, rissig, bräunlich. Als Brad Pitt einmal ein braunes T-Shirt trug, hatte er umgehend den Namen «Brad Shit» weg. So schnell geht das, unter Menschen – – – unter «Menschen». Wie bei Professor Unrat. Der seltsamste, merkwürdigste erste Weltliteratursatz: Da er Raat hiess, nannte ihn die ganze Stadt Unrat. Dabei müsste es heissen: Obwohl er undsoweiter. Früher hielten wir uns lange auf über solchen Sätzen. Eine Lektion lang, und es war uns nicht langweilig dabei, überhaupt nicht. Leider ist mir dieses Sich-Aufhalten geblieben. Die anderen waren smarter und haben das abgelegt, sie sind mir heute vor. Egal – – –

Ich halte mich lange mit Hunden auf. Lesen, beobachten. Beobachten, lesen. Und, und, und. Nicht egal – – – Die Prioritäten.

Er brachte mir Golfbälle von neben dem Golfplatz in Sils Maria. Etwas knirschte zwischen den Zähnen. Als ich nachschaute: Fore, ball in muzzle. Hole in one.

Er brachte mir aufgekringelte, verlotterte Arbeitshandschuhe. Ein zerzaustes Stoffhuhn. Es sah so aus, als hätte er es soeben erlegt. Nur das Blut fehlte – – –

Viele Nichthundebesitzer, auch viele Hundeabernichtretrieverbesitzer, ja selbst Retrieverbesitzer meinen, «Retriever» sei «Red River». «Retriever» kommt aber vom englischen «to retrieve», was soviel wie «zurückbringen», oder eben «apportieren» heisst.

Exkurs: Die Rassehunde werden von einer internationalen Vereinigung zu solchen gemacht: Die Fédération Cynologique Internationale (FCI) mit Sitz in Brüssel bestimmt, wer geadelt wird und wer nicht, wie Hunde aussehen und sich verhalten müssen, damit sie einer Rasse zugeteilt werden. Gemäss FCI gehört Neruda zur Klasse 8 (Wasser-, Stöber- und Apportierhunde (Sektion 1 : Apportierhunde).

Der FCI geht Schönheit («Schönheit»)((das ist ein weites Feld)) über Tierschutz. Die FCI lässt Qualzuchten zu. Das ist ein anderes Thema – – – Ende des Exkurses.

Die Retriever blieben bis anhin von Überzüchtungen (ich weiss nicht genau, was das ist) verschont.

I love Retrievers, es gibt Aufkleber fürs Auto.

Ich liebe die Klasse 8 Sektion 1.

Wirklich, mir geht das Herz auf und über, wenn ich Retriever sehe. Es gibt deren sechs: Labrador Retriever, Golden Retriever, Curlycoated Retriever, Chesapeake Bay Retriever, Nova Scotia Duck Tolling Retriever – und – – Flatcoated Retriever.

Ich wohne mit zwei Retrievern (einem Toller und einem Flat) – – – und es ist eines der Glücke in meinem Leben. Ich werde blöd sentimental, wenn ich Retriever – – – 

I got my bag, I got my reservation | Spent each dime I could afford | Like a child in wild anticipation | I long to hear that: «All aboard!» – – –

Ich habe ihm das Apportieren nicht richtig, nicht fachgerecht beigebracht. Ich wüsste zwar, wies gegangen wäre, wies gehen würde. Clicker, Belohnung, blablabla, hab Bücher zum Thema gelesen.

Er gibt nicht perfekt aus. Wenn ich darauf bestehe – – – meistens bestehe ich nicht darauf. Wüsste nicht wozu.

[Oh ich kann die eilfertigen Belehrungen der Besserwissendmeinenden vernehmen, sie schwappen grochs grochs an mein Ohr, danke für den Hinweis, danke für die Selbsterhebung, danke]

Ich übe das Retrieven mit ihm ein wenig, ab und an. Er könnte es locker. Peace of cake.

Am Morgen bringt er oft ein Spielzeug. Am Mittag bringt er oft ein Spielzeug. Am Abend bringt er oft ein Spielzeug. Er hält es in seiner weichen Schnauze, weich, und zeigt es mir, dazu wedelt er begeistert, überschwenglich – – – Fächelwind im heissen Sommer. Gelt, wir sind Spielkameraden, gelt wir sind Kameraden! Gelt, wir haben einen tollen, wunderschönen, innigen Tag zusammen!

Es ist nicht mehr der Gehorsam, es ist nicht der «will to please», die Eigenschaft, die Retriever so auszeichnet. Es ist mehr. Ausserhalb der Worte – – –

Gelt wir sind Freunde?

Ja, das sind wir.
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