Minus eine Zehe, plus ein Glück

Vertrauensvoll, wie er ist (ich hoffe, das hat er von mir)((ich weiss, ich habe es nicht nur, aber auch von ihm)), lässt er sich die Infusion stecken, als wäre es nichts.

Menschen sind gut. Menschen sind immer gut. Menschen sind nie böse. Von diesem Irrtum lässt er sich nicht abbringen. Nichts und niemand kann ihm das widerlegen. Du sturer Hund du – – –

Er sinkt weg, mit einem Schnäufchen, in die Narkose.

Wir gehen mit Charly spazieren derweil. Er wird jetzt operiert, an der Zehe, er wird nach der Operation (die hoffentlich gut geht, bitte, bittebitte) eine Zehe weniger haben. Gesundheit gegen Zehe, ich habe entschieden. Ich hoffe, ich habe richtig entschieden. In seinem Sinn. So wie er auch entschieden hätte, wenn er entscheiden könnte. Über Hunde wird ständig entschieden. Wenn jemand ständig so über mich entscheiden würde, wie ich über ihn – – – Jetzt geht mein Herz grad wieder auf: Dass er das ohne mit einer einzigen Wimper zu zucken hinnimmt. Einfach so, als wärs a peace of cake. Es tut gut, frische Luft, Bäume, die von den Traktoren in die Feldwege geschnittenen Spuren, die Milane, die über uns kreisen, es lenkt ab von – – –

Nach einer Stunde sind wir zurück. «Es läuft alles gut, es dauert aber länger als vorgesehen». Länger als vorgesehen – ja was – – –

Nach zwei Stunden haben wir alle Inserate (vermisst seit 28.5.12 Schnurrli, getigert, … , wenn Sie Schnurrli sehen, melden Sie sich bitte unter …) gelesen, alle Spielzeuge und Leinen und Futtersäcke dreimal durchgesehen, und die Diplome der Tierärztinnen und des Tierarztes gelesen, Universitas Bernensis, der Dekan, gebürtig von.

Ein Hund jault, man hört es durch die Praxismauern hindurch. Die Jaultöne schlüpfen durch den Beton hindurch mitten in unsere Ohren. Kriechen in uns. So, er ist jetzt am Aufwachen. Sie können kommen. Es hatte viele Blutgefässe um die Geschwulst herum, wir mussten vorsichtig sein und langsam vorgehen, aber es ist alles gut gegangen. Alles gut gegangen, alles gut gegangen. Gottseidank, gottseidank, gottseidank, da capo. Da jault ein Hund ganz herzzerreissend, sage ich zur Tierärztin. Ja, das ist Neruda, sagt sie – – – Das Jaulen geht uns durch Mark und Knochen, mitten hinein in die Kerne. Hat er Schmerzen? Nein, das ist eine Retrieversache, dieses Klagen und Jaulen, es ist eine Reaktion auf die Narkose, kein Ausdruck von Schmerzen. Danke, danke. Hoffentlich stimmt das, hoffentlich stimmt das.

Da liegt er, und jault. So ohne Mauern zippt das Jaulen an unseren feinziselierten Nerven. Dürfen wir? Ja – – – die Gittertüre geht auf. Er wimmert. Charly stupst mit der Nase an die Nase von Neruda, Bruder, ich bin da, es ist alles gut. Neruda hört augenblicklich auf zu wimmern, hebt den Kopf kurz, sinkt dann wieder zurück. Danke, Charly, danke.

Der blaue, dicke Verband. Ich hebe ihn ins Auto. «Er ist nicht ganz da». Ganz vorsichtig. Das Wort «süüferli». Er ist schwer geworden. Ich habe ihn das erste Jahr die Treppen hinuntergetragen. Ich habe es in meinen Armen gespürt, wie er heranwuchs.
Er legt sich hin, dämmert weg. Zu Hause. Er hat gekräuselte Falten jetzt. Sorgenfalten? Ich schaue, wie er liegt und schläft, die längste Zeit. Schaue ich. Schläft er. Wenn er aufsteht, knickt er wieder ein. Er muss sich an den steifen Verband gewöhnen.

Vier Wochen gehen wir zusammen an der Leine. Er an meiner. Ich an seiner. Wir sind verbunden. Mit einer Schleppleine. Er, der Freiläufer, der Freie, nimmt das hin. Ich perfektioniere das Aufrollen-Abrollen-Aufrollen-Abrollen. Damit die Leine ihm so vorkommt, als wäre sie nicht da. Jeden zweiten Tag Verbandswechsel. Der Eiter, das Blut. «Der Verband darf unter keinen Umständen nass werden». Er ist jedes Mal nass. Die Hundesäckli scheuert er durch. Die Schutzschühchen scheuert er durch. Natürlich regnet es ständig. Vier Wochen lang. Als wollte uns jemand testen. Versuchts doch, wir werden bestehen, wir werden bestehen. Ich gehe ins Meiko in Murten, noch mehr Verbände, wasserabweisende Überzüge, Schutzschuhe («Grösse Neufundländer»). Der Verband ist wieder nass. Die Heilung geht langsam vonstatten. Vonstatten – – – Er legt sich schon von selbst auf die Seite, auf dem Schragen beim Tierarzt. Unaufgefordert. Einmal war ich ein wenig spät. Ich erhalte eine Busse von der Berner Kantonspolizei, 40 Franken. Wir zwei gegen den Rest der Welt. Versuchts doch, wir werden widerstehen, wir werden widerstehen. Wenn der Verband am Eiter klebt und die Tierärztin ihn mit einem Ruck wegreisst, zuckt er leicht. Ganz leicht. Die Wunde bekommt gelbe Ränder. Schorf, Heilung.

Einmal (natürlich, ein Sonntag) riss der Verband mitten im Wald. Während Monika das Auto holt, warten wir. Beweg dich nicht. Ein paar Eitertropfen, ein paar Blutstropfen. Er bewegt sich nicht. Liegt mit mir mitten im Wald und schnauft. Schaut mich an, wie ich ihn anschaue. Bewegt sich kein My. Ein Sonntagsausflüglein in die Praxis. Durch Fahrverbote. Keine Polizei heute. Neuer Verband.

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Charly muss zwangsweise auch kürzer treten. Die Spaziergänge sind manchmal kurz. Ich tus gern für dich, Bruder. Der wasserabweisende Überzug ist ein gelber Schlauch. Er sticht heraus aus dem Schwarz, wie eine elastische Taschenlampe. Wie schmal die Pfote geworden ist. Gemacht worden ist. Jetzt ist Neruda noch filigraner. Ein Hauch. Ein Vierunddreissigkilohauch. Ein Hauch mit grauen Haaren um die Schnauze und einer Zehe weniger. Gelt, es war richtig, gelt, du bist einverstanden?

You ask of my companions? The hills, Sir, and the sundown. And a dog as large as myself that my father bought me. They are better than human beings, because they know but do not tell. Den Briefausschnitt von Emily Dickinson kenne ich auswendig. He knows but he does not tell. Guess I know what he does not tell.

Das erste Mal ganz ohne Verband. Im Wasser geht er auf wie das Glück persönlich. Ich lasse ihn in den Chandon, an der Stelle, an der er immer nach den Spaziergängen ins kalte Bachwasser gleitet, sich ein paar Schlucke genehmigt und dann einfach glücklich im Wasser stehen bleibt, Hitze abführend, Glück ausstrahlend. One happy dog.

Da rauscht es wieder durch mich, wie Wasser, wie Glück. Ich sehe ihm zu, wie er glücklich im Wasser steht, und er sieht mir zu, wie ich glücklich zu ihm schaue, wie er im Wasser steht.

Das haben wir überstanden. Wir vier. Wir vier zusammen.
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