Es könnte alles sein

Eigentlich wollte ich etwas zu Leinen, zu Anleinenableinenanleinenableinen-Spaziergängen schreiben. Zu Kniggen, die sich etabliert haben. Oder sagt man Knigges? Ich hatte schon den Titel: My name is Knigge, shut the fuck up! Es hätte etwas gut Durchdachtes, etwas ziemlich Böses auch werden sollen. Das sich gegen jene wendet, die das glitzrige Moralmänteli umhaben, das Ichhabeimmerrechthäubchen, und alle anderen als nackt (ohne Mänteli) ansehen. Gegen jene, die nichts hinterfragen. Die den Knigge wie eine Rüstung vor sich her tragen. Die anderen damit plattwalzen. Da komme ich, ichichich, beiseite, los, haut ab!

Aber dann – – –

Die Schwellung an der linken Pfote. Ganz aussen, am kleinen Zeh.

Er hatte sich den Hodensack aufgerissen, Brombeerstauden. Natürlich – wie könnte es anders sein? – an einem Samstag, ich hielt seinen Kopf, während die Notfalltierärztin den Riss zunähte. Draussen tobte die Fasnacht. Klirr, trööt, gröhl. Geht es, wird Ihnen nicht schlecht? Nein es geht, und dann strich ihm über den Kopf, über die in den Lachgas zuführenden Trichter gestülpte weiche Schnauze. Ich flüsterte ihm gut zu, bildete mir ein, er würde es hören und sich ein bisschen mehr zuhause fühlen. Zuhause. Bei mir – – –

Ich fragte wegen der Schwellung – und das da? Das würde ich schon einmal abklären – – –

Ich ahnte, dass die Risswunde nicht das eigentliche Problem war. Das erste Röntgen ohne Anästhesie. Er ist zwar ruhig, aber für ein X-Ray dann doch zu zappelig. Man sieht die langen filigranen Zehen, mit fahlem Schnee überzuckerte Pflanzentriebe, das grosse L.

Wir schicken das Bild dem Radiologen, zur Beurteilung. Ja, es könnte alles sein. Wirklich alles? Ja, wirklich alles – – –

Das Telefon erreicht mich am Nachmittag. Trifft mich am Nachmittag. Schlägt am Nachmittag in mir ein. Ich stehe neben dem Auto, will gerade einsteigen. Einknicken statt einsteigen. Ja, es wird mir schlecht, nein, es geht gerade nicht. Es geht gerade gar nicht. Der Himmel ist jetzt schwarz. The north, the south, the west and the east.

Drei Wochen Antibiotika – vielleicht (vielleicht)(hoffentlich)(bittebitte) geht die Schwellung zurück. Er erhält die Tabletten. Antirobe. 2 am Morgen, 2 am Abend, eine Tablette à 75 mg, die andere à 300 mg – die strenge Schönheit der Zahlen, Bojen im windgepeitschten Meer. Antirobe. Er saugt sie mit Le Parfait in sich hinein, schliesst dazu die Augen halb, er liebt Le Parfait. Alle Hunde, alle ohne Ausnahme, lieben Le Parfait. Le Parfait wurde als Geschenk für die Hunde erfunden – – –

(träum weiter)
((ja, tu ich)).

Antirobe.

Wirk, du Mittel du, los, wirk. Wirk, wirk, wirk! Schlag deine Reisszähne in «es könnte alles sein».

Die Schwellung geht nur sehr langsam zurück. Viel zu langsam. Das Weiche ist weg. Darunter das Harte, Knubblige. Das bleibt.

Es bricht mir schier das Herz, wenn er im Wald herumfretzt. Wenn er seinen Kopf in meine Kniekehle legt. Wenn er zufrieden rochelt, wenn ich ihm die Ohren kraule. Wenn er schläft, zusammengerollt. Wenn er mich am Morgen begrüsst und wie immer die Hand abschleckt. Als wäre nichts. Rein gar nichts.

Ich möchte etwas schreiben darüber, was die Hunde zum «besten Freund» gemacht hat. Darüber, wieso die Clichés alle entstanden sind, zu denen man sagen muss: sometimes clichés apply. Wieso Franz von Assisi mit dem, was er geschrieben hat über Hunde, recht hat1. Richtig lag. Wieso Lord Byrons Epitaph so durch alle Knochen in das Seelchen, mitten in das Seelchen fretzt2. Whose honest heart is still his master’s own – – – Wieso Thomas Mann nicht in meinen Longsellerlists figuriert.

Es sind die Geschichten. Menschen haben Sehnsucht nach Geschichten, wie Durst, wie Hunger. Friss mich, nähr mich. Sehnsucht nach diesem Pfeffer, dem Pulsen, dem Fortschreiten, und wir sind das Gericht, die Ader, die Pilger. Mit Hunden verbinden wir unverwechselbare Geschichten. In den Geschichten bin ich ich. Es kann sie mir niemand nehmen. Gar niemand. Ich bin eingegossen in eine lange Kette von Geschichten. Die Hunde erfüllen unsere Sehnsucht nach Geschichten. Neruda – meine Geschichte. Unsere – – –.

Und was diese Geschichten so nahe legt, warum sie in uns dreschen, ist die Tatsache, dass sie atmen, gehen, uns anschauen. Sie sind nicht einfach erzählt, sie erzählen sich selbst. Das ist es. Kompliziert? Nein. Das hier mit Neruda, das ist – – – basal.

In der Nacht die Träume. Vor den Träumen die Angst vor dem Einschlafen. Du darfst auch im Traum nicht – – – sterben. Da ist es. Es könnte alles sein. Dance me through the panic, till I’m gathered safely in.

Das zweite Röntgenbild. Die Tierärzte merken, wie ich wackle. Ich kann fast nicht hinschauen, auf den fahlen Schnee. Ich sehe hin. Auf den Schnee – – – Er ist noch in der Narkose. Ja, die Biopsie muss sein.

The panic. Auf Englisch ist sie 3 Zentimeter weiter entfernt. Vier. Fünf. Sieben Proben.

Man nimmt mich ernst. Mein Wackeln. Mein Zittern. Ruhige Erklärungen. Ich könnte nicht Tierarzt sein. Das könnte ich nicht.

3 Tage warten. 3 Tage. Sind 3 Wochen. Sind 3 Jahre. Sind die Ewigkeit. Und weiter mit Antirobe.


Ein Riss mitten durchs Herz.

Ich fahre an der Praxis vorbei. Nein, nicht hinein. Ein Tag mehr Hoffnung. Nur ein wenig. Es birebitzeli. Bitte. Bittebitte. Bonsaihope. Flackerflämmchen. Da stehe ich am Empfang, die Knie schlottern, die Welt verschwimmt. Telefon ans Labor. Wortfetzen.

Nein, es ist noch nicht untersucht. Es könnte immer noch alles sein. Kalk auswaschen. 7 Proben. Wirklich alles? Ja, alles.

Morgen, morgen wissen wirs. Das rote Verbändchen leuchtet an seiner schwarzen Pfote. Rot wie – – – wie – – –

Er spielt mit der Appenzellerhündin vom Biobauernhof, sie jagen und tollen und fretzen und donnern und wirbeln durch den Wald. Es donnert durch mich. Durch den Körperraum. Einschlagen. Entzünden. Getroffen.

Ich sitze beim Kaffee, als die Meldung kommt. Es kappt mir die Sprache. Nicht mal das Schlucken klappt. Geht. Funktioniert. Siehst du. Das rote Verbändchen ist ausgefranselt und schmutzig. Ich habe ihn trotz allem baden lassen.

Mir fehlten die Worte, um wirklich beschreiben zu können, was vor sich ging.
Mir fehlen die Worte, um wirklich beschreiben zu können, was vor sich geht.

Die brackigen, schwefligen Duftschwaden, die es aus dem Loch emporwehte, an dessen Rand ich stand. An dessen äusserstem Rand ich stand.

Das Oxytocin rauscht durch meine Kapillaren.

Ich werde nie mehr einen Spaziergang abkürzen. Ich werde die Zusatzschlaufe machen, versprochen.
Du darfst noch einmal in den Murtensee, obwohl ich eigentlich schon gehen wollte, versprochen.
Ich kraule dir deine Ohren, solange du willst, versprochen.
Hier hast du ein Fresh, obwohl du schon genug hattest.

Er hoppelt voraus. Frisst frisches zartes Gras. Er schaut sich kurz um, ob ich auch wirklich komme. Ja, ich komme. Ich bin da.

Das rote Verbändchen ist schon ganz abgeschossen. Es leuchtet noch ganz schwach. Über uns ruft der Kuckuck. Zum ersten Mal dieses Jahr.


1 Dass mir mein Hund das Liebste sei, sagst du, oh Mensch, sei Sünde, mein Hund ist mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.

2 Epitaph to a Dog
Near this spot
are deposited the remains of one
who possessed beauty without vanity,
Strength without insolence,
Courage without ferosity,
and all the virtues of man without his vices.

This praise, which would be unmeaning flattery
if inscribed over human ashes,
is but a just tribute to the memory of
BOATSWAIN, a DOG,
who was born in Newfoundland may 1803
and died at Newstead nov. 18, 1808.

When some proud son of man returns to earth,

Unknown by glory, but upheld by birth,
The sculptor’s art exhausts the pomp of woe,
And storied urns record who rests below.
When all is done, upon the tomb is seen,
Not what he was, but what he should have been.
But the poor dog, in life the firmest friend,
The first to welcome, foremost to defend,
Whose honest heart is still his master’s own,
Who labours, fights, lives, breathes for him alone,
Unhonoured falls, unnoticed all his worth,
Denied in heaven the soul he held on earth –
While man, vain insect! hopes to be forgiven,
And claims himself a sole exclusive heaven.

Oh man! thou feeble tenant of an hour,
Debased by slavery, or corrupt by power –
Who knows thee well must quit thee with disgust,
Degraded mass of animated dust!
Thy love is lust, thy friendship all a cheat,
Thy tongue hypocrisy, thy words deceit!
By nature vile, ennobled but by name,
Each kindred brute might bid thee blush for shame.
Ye, who perchance behold this simple urn,
Pass on – it honors none you wish to mourn.
To mark a friend’s remains these stones arise;
I never knew but one – and here he lies.







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